Die Behauptung, dass Männer Lügner sind, findet sich bei betrogenen Frauen ebenso wie in manchen Hits („Männer sind Schweine“; Grönemeyers „Männer“). Auch eingefleischte Feministinnen tendieren zu dieser Sichtweise. Dabei ist alles ganz anders, wie im Folgenden erläutert wird. Dass Männer Lügner und Frauen Belogene sind, ist Teil des allgegenwärtigen negativen Stereotyps gegenüber Männern und Männlichkeit im Westen des 21. Jahrhunderts. Es handelt sich bestenfalls um eine Märchenerzählung.
Zuerst: Die empirische Evidenz für eine derartig pauschale Behauptung ist einfach nicht vorhanden. Es ist also eher Männer-Bashing, wie auch bei der Behauptungsepidemie von der toxischen Männlichkeit. Aber Männer sind auch keine Wahrheitsengel. Wann und wie oft lügen Männer also? Die empirische Lügenforschung, soweit man sich auf sie verlassen will, gibt einiges dazu her. Alle Menschen, spätestens ab der Pubertät, lügen im Durchschnitt 20- bis 30- mal täglich. Wenigstens. Manche Studien liefern noch höhere Zahlen. Dies hängt aber von der Definition des Lügens ab, wo sich die Forschung alles andere als einig ist. Meist werden weiße und schwarze Lügen, Begriffe aus dem Angelsächsischen, mit einer bewussten Täuschungsabsicht dazu gezählt.
Weiße und schwarze Lügen
Weiße Lügen gelten als nicht so schwerwiegend, niemand anderes wird direkt geschädigt. Wenn eine Frau von ihrer Freundin gefragt wird, ob sie zu dick sei, und diese trotz anderer innerer Meinung antwortet, dies sei nicht der Fall, wird die Antwort als weiße Lüge gewichtet. Schwarze Lügen schädigen andere Menschen. Finanziell, emotional oder sozial vor allem. Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Viele Studien kommen zu dem Ergebnis, dass hier Unterschiede vorherrschen, vor allem bei dem intendierten Zweck der Lüge. Frauen lügen häufiger, um soziale Beziehungen nicht zu gefährden und um für Harmonie in der Gruppe zu sorgen. Männer sind da weniger harmonieorientiert und lassen es im engen Kontakt zu anderen Männern auch schon mal krachen. Sie lügen aber häufiger aus Selbstdarstellungs- und Rivalitätsgründen. Das kann sich vor allem auf sportliche Leistungen, Einkommen, berufliche Position und erotische Eroberungen beziehen.
Dating und Mating – ein Feld der Lügen
Lügen ist meist ein wechselseitiges Geschehen. Wir unterschätzen systematisch, wie oft wir belogen werden. Dies gilt gerade für den zwischengeschlechtlichen Bereich, wo – gerade am Anfang oder bei flüchtigen Sex-Kontakten – besonders viel gelogen wird. In Dating- und Partnerforen im Internet, wo bekanntlich besonders viel gelogen wird, untertreiben Frauen bevorzugt ihr Alter und ihre sexuellen Vorerfahrungen. Männer stapeln bei ihrer Körpergröße höher. Außerdem übertreiben sie ihr Einkommen, ihren Status und ihre sportlichen Betätigungen. Beide Geschlechter schätzen sich als intelligenter ein als die Mehrheit aller anderen. Dies stellt den Selbstüberschätzungseffekt (Overconfidence-Effect) dar. Die allermeisten überschätzen auch ihre Fähigkeiten, Lügen bei anderen Personen zu erkennen. Eine besonders gefährliche Fehleinschätzung, etwa bei der Paarbildung, aber auch bei finanziellen Betrügereien.
Evolution der Täuschung
Die Anlässe zum Lügen reichen weit in die Evolutionsgeschichte der Menschen zurück. Lange bevor der Mensch Sprache entwickelte, hatten sich vielfältige Formen der Täuschung in der Tier- und Pflanzenwelt entwickelt. Diese dienten der Optimierung des Lebens in einer feindlichen Umwelt. Täuschungen sind ein Instrument, um nicht gefressen zu werden oder um potentielle Fressopfer zu erlangen. Tiere haben keine Moral für die Verwerflichkeit der Täuschung. Sie passen sich der Umwelt und deren Bedingungen, Gefahren und Chancen einfach an.
Menschen differenzierten die Techniken der Täuschung Schritt für Schritt weiter, um sie gegen Tiere und ihresgleichen einzusetzen. Durch die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins optimierten sich die Täuschungsstrategien enorm. So entstand die bewusste, geplante Täuschung, die wir Lüge nennen. Was die Täuschung anderer Menschen angeht, waren Sprachen und Einfühlungsvermögen der entscheidende Durchbruch zum Lügen. Es geht um die bewusste Irreführung und Täuschung anderer zum eigenen Vorteil.
In der Evolution war es für Männer wichtig, dass sie sich gegen andere Männer, potentielle Rivalen, durchsetzten und dass sie die Möglichkeit der sexuellen Interaktion mit Frauen bekamen. Beides prägte das männliche Verhalten im Bereich Täuschung und Lüge. Optimierte Selbstdarstellung – physisch und verbal – ist das Zauberwort, um die Situation bei Sexualität und Fortpflanzung zu verbessern. Lügengeschichten können dazugehören, insbesondere wenn die Lüge nicht als solche erkannt wird. Damals wie heute.
Motive zum Lügen
Die Motive zum Lügen liegen also in der Optimierung der eigenen Chancen, als Individuum oder als Gruppe. Dabei ist es wichtig, eine gute Balance aus Wahrheit und Lüge zu bewahren, also nicht zu viel zu lügen, weil sonst die Negativstigmatisierung als notorischer Lügner („Lügenbold“) droht. Auch sollten Lügen schwer zu erkennen sein und bleiben deshalb oft vage und unbestimmt. Unbestritten geht es beim bewussten Lügen um persönliche Vorteile, in Beziehungen, hinsichtlich Ressourcen und Finanzen. Die Selbstdarstellung ist dabei übertrieben positiv bis zu völlig falsch. Geschicktes Lügen setzt ein hohes Maß an kognitiver und emotionaler Intelligenz voraus. Hier unterscheiden sich Männer und Frauen nicht. Ein Großteil der geschickten Lügen bleibt unentdeckt. Wohl auch deshalb geben bis 70% der Lügner an, dass sie wieder lügen würden. Auch die Angst vor Bloßstellung und Entdeckung als Lügner kann zum Wiederholungsverhalten führen.
Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beziehen sich auf die jeweiligen Ziele: Frauen wollen häufiger soziale Harmonie und sich den bestmöglichen Partner sichern, Männer streben Position und Erfolg an und wollen in der Rivalität um eine Frau gewinnen. Innerhalb von Partnerbeziehungen lügen Männer vor allem, wenn sie sich emotional überfordert („genervt“) fühlen. Dann geht es um Stressreduktion und Konfliktvermeidung. Auch wenn stark divergierende Vorstellungen hinsichtlich der Partnerschaftsregeln bestehen, entwickeln sich schnell Lügen. Diese können chronifizieren, wenn es keine anderen Wege zur Konfliktregulation gibt.
Die Alltagsnormalität des Lügens
Entgegen verbreiteter moralischer Selbstbilder ist die Lüge kein Ausnahmephänomen. Sie ist Bestandteil alltäglicher Kommunikation. Menschen lügen, um Konflikte zu vermeiden, Beziehungen zu stabilisieren, das eigene Selbstbild zu schützen oder soziale Erwartungen zu erfüllen. Viele dieser Lügen werden nicht als solche erlebt, sondern als notwendige Anpassung.
Diese Alltäglichkeit ist entscheidend. Sie zeigt, dass die Lüge nicht primär aus Niedertracht entsteht, sondern aus sozialer Funktionalität. Wer dies ignoriert, kann kollektive Unwahrheiten nicht verstehen. Die moralische Empörung über „Lügen“ ersetzt dann Analyse durch Affekt.
Das bedeutet nicht, dass Lügen harmlos wären. Im Gegenteil: Gerade weil sie funktional, also im Alltag zweckmäßig und erfolgreich sind, können sie sich verfestigen, ausweiten und routiniert werden. Die Grenze zwischen situativer Anpassung und systematischer Unwahrheit ist fließend.
Besser nicht lügen!? – Wahrheitlichkeit als Ziel
Viele Menschen heutzutage gehen den einfacheren Weg des Lügens. Die Grundtugenden, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Klarheit, haben immer mehr einen schweren Stand. Immer mehr Menschen fühlen sich verraten und missbraucht durch die Lügen anderer. Aber jeder sollte sich auch selbst überprüfen, wie stark er Lügen als Alltagsinstrument für persönliche Zielerreichungen, Stress- und Konfliktreduktion oder andere Zwecke benutzt. Viele Menschen – egal ob Frauen oder Männer – berichten auch, dass sie in Situationen automatisch lügen, wo es ganz einfach gewesen wäre, die Wahrheit zu sagen.
Lügen haben kurzfristig Erfolg, zerstören aber längerfristig Vertrauen und Beziehungen. Deshalb sollten Menschen sparsam und bewusst mit ihnen umgehen und sie so weit wie möglich vermeiden. Ganz ausmerzen werden sie sich nicht lassen. Wenn nur noch wenige weiße Lügen benutzt werden, verändert sich aber vieles zum Besseren. Im eigenen Leben und im Leben des sozialen Umfelds.
Zur Gewissensbildung von Männern wie Frauen sollte das Streben nach Wahrheitlichkeit gehören. Wahrheitlichkeit bezeichnet eine umfassende innere Haltung, die Wahrnehmung, Denken, Sprechen und Handeln an der Wirklichkeit ausrichtet – auch dort, wo dies unangenehm, selbstkritisch oder sozial nachteilig ist. Wahrheitlichkeit ist nicht die Stimmigkeit einer einzelnen Aussage, sondern eine Charakter- und Reifeeigenschaft. Die Wege zu dieser Charaktereigenschaft sind, wie immer bei Menschen, nicht gerade, sondern verschlungen und kompliziert. Aber da Menschen lernen können, ist die Verarbeitung und Bewältigung von Lebensereignissen, Rückmeldung, Tiefschlägen und Erfolgen ein möglicher und zugleich der beste Weg. Von Menschen, die notorisch lügen, insbesondere schwarze, also schädigende Lügen benutzen, sollte man sich fernhalten bzw. zurückziehen, weil man selbst durch ihre Lügen beschädigt wird.
Fazit
Männer und Frauen sind notorische Lügner. Wir alle sind Lügner. Dies ist Teil unseres evolutionären Erbes. Aber wir sollten bewusst damit umgehen. So lange sich das Lügen im Alltagsbereich, fern von politisch-medialen Lügen und ohne die Schädigung anderer bewegt, sind die weißen Lügen ein Thema, das eingehegt werden kann. Menschen sollten sich ihrer Lügen bewusst werden, um sie häufiger vermeiden zu können. Positive, dauerhafte zwischenmenschliche Beziehungen brauchen Vertrauen, Tiefe und Intimität. Diese Qualitäten gedeihen am besten im Umfeld von Echtheit und Wahrheitlichkeit.
