UA-176845053-2 Psychobiologie des Mannes und des männlichen Gehirns - Mens Mental Health

Das Kapitel beschäftigt sich vornehmlich mit den Unterschieden zwischen Mann und Frau. Wichtig ist es heutzutage zu betonen, dass es diese gibt. Dennoch aber, um unmissverständlich klar zu sein:

Das Gehirn des Mannes – nicht spezifisch, aber speziell!

Männer und Frauen haben als Mitglieder derselben Spezies “homo sapiens” ganz viele Gemeinsamkeiten, aber auch manche Unterschiede. Diese betreffen nicht nur Körperbau und Muskelmasse, sondern auch Genetik (das berühmte Y-Chromosom des Mannes) und Gehirn. Die Unterschiede sind Gegenstand dieses Kapitels, insbesondere im Gehirn. Der teilweise unterschiedliche Entwicklungspfad beginnt schon pränatal, ca. ab der 9. Schwangerschaftswoche. Nachgeburtlich kommen psychosoziale Einflüsse hinzu.

Die Verwirrung und Desinformation in Bezug auf Geschlechterfragen hat viel mit der Ignoranz weiter Teile der Genderbewegung gegenüber den Naturwissenschaften, insbesondere der Biologie, zu tun. Wie bei allen Fragen des Menschseins gilt es, biologische, psychologische und soziale Einflussfaktoren zu berücksichtigen und hinsichtlich ihres einzelnen und kombinierten Einflusses abzuwägen.

Schon lange ist bekannt, dass das Gehirn des Mannes mit durchschnittlich etwa 1.375 ccm größer und schwerer ist als das der Frau mit etwa 1.245 ccm. Daraus wurden über viele Jahrhunderte falsche Schlussfolgerungen gezogen, dass Männer etwa klüger wären und mehr Verstand besäßen als Frauen.

Vor wenigen Jahrzehnten wurde dann nämlich klar, dass sich im weiblichen Gehirn mehr Synapsen, also Verbindungen zwischen den Nervenzellen, befinden. Insgesamt ist das weibliche Gehirn damit mit geringerem Volumen genauso leistungsfähig wie das des Mannes. Es gibt kein spezifisch männliches oder weibliches Gehirn. Aber es gibt Spezialitäten, die sich in den Gehirnen von Männern und Frauen finden lassen. Und das Gehirn ist vor allem das, was Menschen in ihrem Leben und ihren Beziehungen daraus machen. Die Gehirne sind also vor dem Hintergrund ihrer Anlagen in weiten Bereichen formbar und veränderbar.


Acht spannende Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen

Es besteht eine Reihe interessanter durchschnittlicher Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen, auf die ich im Folgenden aus Sicht des Mannes eingehe (siehe Brizendine, 2011).

1. Das Mediale Präoptische Areal (MPOA)

Die MPoA ist geschlechtsdimorphisch. Das bedeutet, dass es zwei gestaltlich andersartige Ausprägungen gibt, die sich in Funktion und Größe zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Dieses Areal, im Hypothalamus gelegen, wird für sexuelle Bestrebungen und Lustentwicklung verantwortlich gemacht. Es ist für die männliche Erektion mitverantwortlich. Das MPOA ist bei Männern ca. 2.5-mal größer als bei Frauen.

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2. Die Temporal-parietalen Verknüpfungen (TPV)

Diese Gehirnregion ist für kognitives Mitgefühl und Lösungsorientierung zuständig. Dabei werden Problemlösungen unter der Berücksichtigung der Meinungen anderer herbeigeführt und erzeugt. Während sozialer Interaktionen ist es im männlichen Gehirn aktiver, hat beim Mann die Tendenz, früher ins Geschehen einzugreifen und schneller nach einer Lösung zu streben. 

3. Der Nucleus Praemamillaris Dorsalis (NPD)

Dies ist das Revierverteidigungsareal im Hypothalamus. Es enthält die Schaltkreise für das instinktive männliche Verhalten, anderen im Wettbewerb voraus zu sein und für die Revierverteidigung, Angst und Aggressionen. Es ist bei Männern größer ausgeprägt als bei Frauen. Das NPD enthält besonders Nervenschaltkreise für die Wahrnehmung anderer Männer, die das Revier bedrohen. Deshalb sprechen Männer im Regelfall auf Revierbedrohung stärker an.

4. Die Amygdala (AGD)

Sie stellt das Alarmsystem für Bedrohungen, Angst und Gefahren dar. Dort befindet sich das Antriebszentrum für emotionale Impulse. Sie wird durch Testosteron, Vasopressin und Cortisol zum Angriff bei Bedrohung angeregt und anschließend durch Oxytocin wieder beruhigt (runterreguliert). Dieses Areal ist bei Männern ebenfalls größer als bei Frauen.

5. Die Rostrale Cinguläre Zone (RCZ)

Fungiert als die Messstation für zwischenmenschliche Zustimmung oder Ablehnung. Die RCZ ist das Zentrum zur Vermeidung interaktiver Fehlleistungen. Sie hilft vermutlich gerade jungen Männern, ihren Gesichtsausdruck zu kontrollieren und so ihre Emotionen zu verbergen. 

6. Das Ventrale Tegmentum (VTA)

Das Motivationszentrum des Gehirns. Es liegt tief im Zwischenhirn. Dort wird insbesondere der Neurotransmitter Dopamin produziert, der für koordinierte Bewegungen, aber auch Belohnung und Handlungsmotivation sorgt. Das VTA ist im Gehirn des Mannes aktiver

7. Das Periaquäduktale Grau (PAG)

Diese Region gehört zu den Schmerzschaltkreisen des Gehirns und wirkt an der Steuerung unwillkürlicher Lust- und Schmerzgefühle mit. Beim Geschlechtsverkehr sorgt es für Schmerzunterdrückung, intensive Lustgefühle und Stöhnlaute. Beim Sexualverkehr ist es im Gehirn von Männern aktiver.

8. Das Spiegelneuronensystem (SNS)

Das System für Mitgefühl und emotionale Empathie.

Bei allen Spezialitäten des männlichen Gehirns, von denen sicher noch etliche weitere gefunden werden, gilt es zu beachten, dass die Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen überwiegen. Es kommt nicht nur darauf an, wie das Gehirn strukturell aufgebaut ist, wie die Gehirnprozesse ablaufen, sondern vor allem was wir im Laufe unseres Lebens als Männer daraus machen. Lassen Sie uns dieses wunderbare Organ optimal nutzen. Zu unserem Glück und Wohlergehen und in der Folge zu dem anderer Menschen und Tiere.


Das starke Geschlecht – über wirkliche und vermeintliche Stärken

Männer werden gemeinhin als das „starke Geschlecht“ bezeichnet. Dies mag ihnen selbst schmeicheln. Aber es entspricht nicht dem Stand der Forschung, weder in biologischer noch in psychosozialer Hinsicht, sondern kann sich lediglich auf physische Kraft beziehen. In den meisten anderen Hinsichten sind Frauen das starke Geschlecht.


Frauen – das starke Geschlecht

Dieser Abschnitt geht über Frauen. Sie sind in Wirklichkeit das starke Geschlecht, jedenfalls mental und emotional. Dies zeigt sich an ihrer mentalen und psychischen Entwicklung als Kinder bis zur Pubertät, wo sie an Stabilität und psychischer Gesundheit den Jungen insgesamt überlegen sind. In der Biologie wird dies auch auf die stabilere doppelte XX-Genstruktur zurückgeführt. Aber auch in vielen Partnerbeziehungen dominieren Frauen mit Cleverness und Intuition, bisweilen aber auch mit subtiler Manipulation und emotionaler Erpressung. Darin sind sie Männern meist überlegen. Vielleicht auch nur, weil Männer sich zu sehr auf ihre physischen Kräfte verlassen!


Über echte und vermeintliche Stärken

Eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen Männern und Frauen ist nämlich unleugbar die stärkere muskuläre Kraft der Männer. Im Durchschnitt weisen sie 25% bis 30% mehr Muskelmasse als die Frauen auf, sind ca. acht bis zehn Zentimeter größer und haben einen größeren Kopfumfang und längere Füße. Dies hat vor allem biologische Gründe, gilt für die meisten Geschlechtsunterschiede bei Lebewesen und hat sich im Laufe der Evolution auch bei Primaten immer weiter vertieft.
Wie wirken sich diese Unterschiede in Verhalten und Erleben und insbesondere in der Persönlichkeit aus?


Ein Mann muss mentale Stärke entwickeln

Für die psychische Männergesundheit ist es wichtig zu realisieren, dass ein körperlich starker Mann nicht automatisch insgesamt – mental und psychisch – stark ist. Im Gegenteil: Es ist denkbar, dass sich die Männer im Laufe der Evolution zu sehr auf ihre physische Kraft fokussiert und „spezialisiert“ haben, während die Frauen wegen der vermeintlichen Schwäche der geringeren Körperkraft Stärken im Bereich mentaler, sozialer und emotionaler Kompetenzen herausgebildet haben. Männer in der modernen Welt sollten sich also gezielt auf die Entwicklung mentaler und psychischer Stärken konzentrieren, was eine besondere Herausforderung darstellt, da sie von weiblichen Personen (Mütter, Lehrerinnen) intensiv geprägt und beeinflusst werden, während männliche Modelle oft fehlen oder zu kurz kommen.


Verletzlichkeit ist keine Schwäche

Die physische Kraft der männlichen Hominiden kommt nicht von ungefähr. Sie ist Ergebnis von Millionen von Jahren evolutionärer Prozesse und somit von Selektion und Spezialisierung. Meine These ist, dass sich die körperlich schwächeren Frauen komplementär dazu im Bereich des Mikroverhaltens spezialisiert und differenziert haben. Damit sind mentale, soziale und vor allem emotionale Kompetenzen gemeint. Aber die schwächere mentale und psychische Ausgangssituation von Männern – und damit ihre spezifische Verletzlichkeit – ist keine unüberwindliche Schwäche. Genauso wie heute mehr als 60% aller Männer Sport treiben, um sich körperlich fit zu halten, sollte mentale und psychische Fitness trainiert werden. Und sie lassen sich trainieren (siehe auch den Abschnitt Psychische Gesundheit).


Geschlechtsunterschiede sind biopsychosozial bedingt und notwendig

Im Laufe der Evolution haben sich viele Geschlechtsunterschiede (GU) entwickelt, die nicht als „sozial erworbenes Geschlecht“ erklärt werden können. Hierzu zählen das stärkere Interesse bei Mädchen an menschlichen Gesichtern und bei Jungen an Dingen, was schon bei Neugeborenen am zweiten Lebenstag beobachtet werden kann (Connellan et al., 2000) – also lange bevor kulturelle Einflüsse wirksam werden können. Dementsprechend halten männliche Babys im Durchschnitt nicht so lange Augenkontakt wie weibliche. Diese Präferenzunterschiede im Sinne von Mittelwertunterschiede bleiben überdauernd während der Lebensspanne erhalten (Su et al., 2009).


Dass Geschlechtsunterschiede bestehen, macht biologisch, evolutionspsychologisch und auch psychosoziale eine Menge Sinn. Bei den Frühmenschen schon entwickelte sich Arbeitsteiligkeit im Alltagsleben (Jagen und Sammeln) und in den Familien. Auch heutzutage können und sollen nicht alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus ideologischen Gründen glattgezogen werden. Jeder Mensch sollte seine Potentiale vor dem Hintergrund seiner Anlagen und Entwicklung ideal verwirklichen können. Und wenn nicht 50% aller Ingenieur- und Mathematikstudenten weiblichen Geschlechts sind, ist das auch heutzutage völlig in Ordnung. Genauso umgekehrt aus der Männerperspektive, z.B. in Sozial- und Pflegeberufen.

Quelle: Brizendine, Louann [2010]. Das männliche Gehirn: Warum Männer anders sind als Frauen. Hamburg: Hoffmann und Campe