UA-176845053-2 Herkunftsfamilie - Mens Mental Health



Herkunftsfamilien: Woher wir kommen – wohin wir gehen? Unser genetisches und soziales Erbe

Eltern, Großeltern und Ahnen – entdecken Sie Ihre Herkunft!

Männer stammen ab, wie alle Menschen. Von einer Mutter, die den Fötus bis zu 9 Monaten in ihrem Leib getragen hat, und einem Vater, der das Sperma gab. Und der diese Zeit hoffentlich intensiv und liebevoll mit begleitet hat. Über Hunderttausende von Generationen hinweg stammen Männer wie Frauen von der Urmutter und dem Urvater ab, diese wiederum von anderen Eltern, weit zurück dann von Ur-Primaten, von anderen Säugetieren, von anderen Wirbeltieren und so weiter bis zurück zur einfachsten Lebensform vor ca. 4 Milliarden Jahren, die sich dann über Milliarden Jahre fortgepflanzt und dabei weiterentwickelt hat. Dies ist die wahre Bedeutung des Bildes von den Riesen, auf deren Schultern wir stehen. Es sind nur Riesen, weil es sich um eine Anhäufung von Mikrolebewesen handelt.


Genetisches und soziales Erbe der Herkunftsfamilien

Herkunftsfamilien geben ihr genetisches Erbe an die nächste Generation weiter und diese dann über individuelle Partnerwahlen an die nächste Generation usw. Dies bezieht sich auf Anlagen für körperliche Merkmale, aber auch auf die neurobiologischen Grundlagen von Persönlichkeitseigenschaften und anderen psychologischen Merkmalen. Diese Gesetzmäßigkeiten gelten auch dann, wenn sich Eltern und Kinder nicht kennen, weil die Kinder durch Samen- oder Eizellenspenden entstanden sind. Dadurch können neue biologische Herkunftswege gestiftet werden, die dann mit sozialen Beziehungserfahrungen in neuen Bezugsfamilien interagieren.


Dabei ist zu bedenken, dass genetische Anlagen nur selten eindeutige, deterministische Konsequenzen für konkretes Verhalten haben. Gene steuern, wie Nervenzellen sich entwickeln und sich miteinander verschalten. Die für die Verschaltungen im Gehirn entscheidenden Synapsen werden durch Gene und die Umwelt beeinflusst. Innerhalb gewisser Margen herrschen dabei Flexibilität und Fluidität. Entscheidend für die Entwicklung eines Menschen vor dem Hintergrund seiner Herkunftsfamilie sind seine Anlagen und Erfahrungen.


Thema „Herkunftsfamilie“

Das genetische Erbe der Herkunftsfamilie ist vorgegeben und liegt nicht in unserer Hand. Auch auf die Umwelt in der Herkunftsfamilie haben wir als Kinder nur begrenzt Einfluss. Ob sich die Eltern verstehen oder nicht, ob es zu einer Trennung kommt, liegt meistens außerhalb der Einflusssphäre der Kinder. 

Aber Herkunftsfamilie sollte nie als Vorverurteilung für ein misslingendes Leben angesehen oder als Alibi für eigene dauerhafte Fehlverhaltensweisen betrachtet werden. Mit zunehmendem Alter können Menschen darauf Einfluss nehmen, und wenn es darum geht, sich von malignen Einflüssen der Herkunftsfamilie zu befreien. Von den Chancen und Risiken der Herkunftsfamilie handelt dieses Kapitel.


Das Bindungssystem schafft Sicherheit und Liebe – für Mutter, Vater und Kind

Sinnvollerweise beginnt es mit den Müttern

Männer haben eine spezielle Beziehung zu ihren Müttern, sie geben im Idealfall in der Kindheit Nähe, Wärme, Sicherheit und Nahrung. Sie trösten, helfen, tragen, halten und stillen. Dass dies nicht immer so ideal abläuft, ist eine der tragischen Aspekte des Lebens, auch und gerade in der jetzigen Zeit. 

Materieller Reichtum erzeugt nicht automatisch sozialen Beziehungsreichtum! Und heutzutage zählt Erwerbsarbeit und Wohlstand oft mehr als eine gesunde, sichere Mutter-Kind-Beziehung, jedenfalls in den wirkmächtigen Medien, die Mädchen und jungen Frauen die Welt erklären wollen. Die Vereinbarkeit von Elternschaft und Erwerbsarbeit ist eine wichtige Herausforderung. Aber auch andere Lebensformen (z.B. Hausfrau/ Hausmann) sollten möglich sein und respektiert werden.


Das Mutter - Kind - Bindungssystem

Die Mutter kann ihrem Kind auf besondere Weise den sicheren Weg ins Leben ebnen. Sie tut dies vor dem Hintergrund der Freude über das geschenkte und heranwachsende Leben. Die Evolution hat zum Gelingen des Heranwachsens des Abkömmlings bei den Säugetieren das Bindungssystem entwickelt. Der Embryo kommt vergleichsweise früh zur Welt und muss sich noch in vielerlei Hinsicht entwickeln. Dafür braucht er die fürsorgliche, feinfühlige, nährende Bindung durch ein „Beziehungsobjekt“ (tiefenpsychologischer Fachbegriff: meistens die biologische Mutter).

Der britische Entwicklungspsychologe und Forschungspionier John Bowlby (1907 – 1990) beschreibt das Bindungssystem als ein angeborenes und genetisch verankertes System, das zwischen der primären Bezugsperson (meistens der Mutter) und dem Säugling nach der Geburt aktiviert wird und überlebenssichernde Funktion hat.

Es motiviert die Mutter zur intensiven Pflege und Sorge um das Neugeborene und geht im Optimalfall in eine dauerhafte, tiefe, von Liebe getragene Beziehung zum Kind über. Kinder wiederum werden dementsprechend mit einer Verhaltensausstattung geboren, sich an eine sorgende Person zu binden. Dies ermöglicht es ihnen, ihr Überleben mit höherer Wahrscheinlichkeit zu erreichen und ihr Leben aktiv mitzugestalten. Sie fördern die Mutter in ihrem Bindungsverhalten mit Blickkontakt, dem Saugen an der Brust und später mit Lächeln und intensiver Interaktion.

Bindung ist insofern das Ergebnis eines hochkomplexen, interaktiven Wechselwirkungsprozesses zwischen Mutter und Kind, in die beide wechselseitig Motive, Fähigkeiten und Bedürfnisse einbringen.


Oxytocin als Trigger des Bindungsverhaltens

Das Bindungssystem ist ein biologisches Programm, das sich im Laufe der Evolution der Säugetiere entwickelt hat. Die menschliche Mutter unterliegt diesem Programm schon während der Schwangerschaft und vor allem ab der Geburt des Kindes. Insbesondere das Hormon „Oxytocin“, das auch an der Milchproduktion im mütterlichen Organismus beteiligt ist, spielt eine wichtige Rolle.

Oxytocin bedeutet wörtlich leicht gebärend und wird als Voraussetzung für eine schnelle Geburt angesehen. Eine physiologische Wirkung ist, dass es bei der Geburt die rhythmische Kontraktion der glatten Uterusmuskulatur erzeugt und somit Wehen auslöst. Dadurch wird die Geburt ermöglicht und im Idealfall beschleunigt. Zudem stimuliert es von Anfang an die Milchabgabe der Brust. Das Saugen des Babys an der Brust erhöht dann die weitere Produktion und Freisetzung von Oxytocin aus der Neurohypophyse, was dann wiederum zur Ejektion der Milch aus der Brustdrüse führt.


Oxytocin und Väter

Oxytocin ist Hormon und Neurotransmitter zugleich und hat damit eine Vielzahl an weiteren Auswirkungen auf Körper und Verhalten. Auch bei Männern wurden während der Schwangerschaft ihrer Frauen leicht erhöhte Oxytocinwerte gemessen, was sie zärtlicher und einfühlsamer macht. Eine ideale Voraussetzung zur Begleitung der Schwangeren und zur Vorbereitung auf das gemeinsame Baby. Denn schon eine kleine Hormongabe macht Männer in dieser Phase deutlich sensibler. Das Hormon Oxytocin verbessert bei Männern die Fähigkeit, sich emotional in andere Menschen hineinzuversetzen.


Oxytocin beeinflusst aber nicht nur den Körper und die Empathie, sondern auch das Sozialverhalten: Oxytocin verstärkt das Vertrauen in Mitmenschen, macht bindungsfähiger und beruhigt – auch bei Männern. Neben den genannten physiologischen Wirkungen beeinflusst Oxytocin auch das Verhalten. Es verstärkt zum Beispiel die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind. Die hohen Oxytocinspiegel beim Stillen beruhigen die Mutter und senken bei ihr den Spiegel des Stresshormons Cortisol. Auch der Säugling schüttet nach dem Stillen das Hormon aus, er wird dann ruhig und zufrieden. Aber auch für Väter kann durch die Nähe, die Sorge und das Spiel mit dem Kind der Oxytocinhaushalt positiv beeinflusst werden, was dann wiederum mehr des Bindungsverhaltens auslöst. Ein Kreislauf, der nicht durch Hindernisse im Umgang mit dem Kind und durch übermäßige Abwesenheitszeiten gestört werden sollte.

Bindungssystem und Explorationssystem für Sicherheit und Lernen

Der aktuelle Forschungsstand zur Bindungsforschung zeigt, dass Kinder für ihre gesunde Entwicklung die Befriedigung ihrer seelischen Grundbedürfnisse brauchen, ebenso wie sichere Bindungsbeziehungen für mutige Exploration, feinfühlige Zuwendung für eine optimale Gehirnentwicklung, feste Bezugspersonen und dauerhafte Wärme und Nähe.

Während das Bindungsverhalten dazu dient, die Nähe zur Bindungsperson aufrecht zu erhalten oder wieder zu gewinnen, um dort Schutz zu finden, ermöglicht das Explorationsverhalten die Erkundung der Umwelt und die Erweiterung des persönlichen Weltbilds, und ist damit die Grundlage allen Lernens. Gerade beim Explorationsverhaltenssystem kommt den Vätern eine besonders wichtige Rolle zu. Damit sind wir wieder beim Thema der Herkunftsfamilie angelangt und schauen etwas genauer auf die Rolle der Männer.


Oh, mein Papa! Väter in Herkunftsfamilien

Auch Männer und Väter können sich binden – und sollen es. An ihr Kind auf jeden Fall!

Wie die zahllosen Studien zum Bindungssystem zeigen, besteht dieses – wenn auch in abgeschwächter und andersartiger – Form für Männer, wenn sie Väter werden oder sind. Männer können stärkste Bindungen zu ihren Kindern entwickeln. Dies beginnt – wie heute bekannt ist – schon pränatal, feststellbar an geringeren Testosteron- und höheren Oxytocinwerten. Der Organismus des Mannes reguliert sich also in Richtung Vaterschaft. Oder mit anderen Worten: Das Gehirn und der ganze Organismus des Mannes stellen sich auf sein Kind und die Vaterschaft ein. Es verändert sich sehr viel im Leben eines Mannes, wenn er es zulässt und will und wenn ihm das deutsche Scheidungsrecht nicht dazwischen kommt (siehe Kapitel Bezugsfamilie).


Was ist mit den heutigen Vätern?

Die eigenen Väter spielen für die künftigen Männer und Väter eine ganz besondere Rolle. Sie formen das Bild eines Mannes im Inneren des heranwachsenden Jungen. Deshalb ist die Würdigung und Unterstützung von Vätern wichtig. Aber in der heutigen modernen Welt sind sie oft nicht anwesend, weil sie zu viel arbeiten oder nach einer Trennung oder Scheidung am Kontakt mit ihrem Kind gehindert werden (siehe Kapitel Parental Alienation Syndrome). Auch kann es sein, dass Väter sich ihrer Aufgabe als Vater entziehen, weil sie zu unreif sind, nicht die Wichtigkeit ihrer Aufgabe erkennen – für sich selbst, das Kind und auch die Mutter - oder aus sonstigen Anlässen. Der abwesende Vater ist für das sich entwickelnde Kind ein ernsthaftes Risiko für Gesundheit und Wohlbefinden, besonders für Jungen. Was die Vaterforschung jedoch insgesamt zeigt, ist, dass die meisten Männer engagierte Väter sein wollen und können. Dafür sollten sie Unterstützung und Anerkennung bekommen.


Rolle und Bedeutung des Vaters in der Herkunftsfamilie

Während die Erfahrung von Nähe und Neugierde auf die Welt in der Herkunftsfamilie zentrale Grundlagen für Entwicklung, Persönlichkeit und Gesundheit sind, beginnt ein Kind ab der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres in seinen Erfahrungen zunehmend zwischen Mutter und Vater zu differenzieren. Neuere Untersuchungen (vgl. Kindler & Grossmann 2008) zeigen, dass feinfühlige Unterstützung kindlicher Exploration der Bereich ist, von dem aus sich väterliche Einflüsse auf zentrale Aspekte der sozial-emotionalen Kompetenz- und Bindungsentwicklung über längere Zeiträume entfalten. Natürlich ist ein Vater in der Lage, sowohl bei Bindung als auch bei Exploration eine zentrale Rolle zu spielen, vor allem wenn er alleinerziehend oder längere Zeit alleine mit dem Kind ist. Wenn beide Elternteile vorhanden sind, was in der Evolution immer von Vorteil war, ergibt sich schnell eine Akzentuierung auf Bindung bei der Mutter und Exploration beim Vater, was natürlich keine Ausschließlichkeit bedeutet.


Die besondere Rolle des Vaters

Lange wurde die wichtige Rolle der Väter in der Entwicklung der Kinder nicht gesehen oder gar geleugnet. Seit den 1980-er Jahren hat sich die psychologische Forschung systematisch mit der Rolle der Väter beschäftigt und herausgearbeitet, worin die Wichtigkeit der Väter besteht.

In Deutschland haben vor allem Vassilios Fthenakis und Inge Seiffge-Krenke seit den 1990-er Jahren für entscheidende Beiträge in der Väterforschung gesorgt. Ihnen ist zu verdanken, dass Väter heute nicht mehr als mehr oder weniger defizitäre Mütter gesehen werden, sondern als wichtige eigenständige und notwendige Bezugsinstanzen beim Aufwachsen ihrer Kinder. Väter sind in der Entwicklung ihrer Kinder besonders wichtig für das Körpergefühl, die Lust an der Bewegung, die Selbstbehauptung, den Umgang mit Risiken und Konflikten.

Für Jungen sind sie unverzichtbar zur Entwicklung einer passenden und gesunden Geschlechtsrollenidentität: stark, authentisch und gefühlvoll zugleich. Aber Väter können auch Trost, Hilfe und Unterstützung geben. An ganz vielen Stellen der Entwicklung des Kindes. Eine gesunde Entwicklung – speziell von Jungen - ist in einer Umgebung, in der Jungen und Männer permanent kritisiert oder pauschal als negativ gesehen werden, jedoch schlecht möglich (siehe Kapitel Jungen).


Das Drama des abwesenden Vaters

Noch zu selten wird in der Forschung und Praxis zur psychischen Gesundheit des Mannes die Rolle des abwesenden Vaters in der Herkunftsfamilie erkannt. Der Hintergrund dafür ist jedoch schon lange klar. Die vielen vergangenen Jahrhunderte in Europa mit Kriegen haben gelehrt, dass der Verlust des Vaters für die zurückgebliebenen Kinder eine Tragödie ist, die langwährende Spuren hinterlässt. Für Jungen ist dieser Verlust besonders schwerwiegend, fehlt ihnen doch die Identifikations- und Lehrperson für gelingendes Mannsein. Für die psychisch gesunde Entwicklung von Jungen ist der Kontakt mit dem Vater von besonderer Wichtigkeit. Ist dieser engagiert und bindungswillig, ist für die heranwachsenden Kinder der kontinuierliche Kontakt zum Vater – auch in Scheidungsfamilien – von grundlegender Bedeutung (siehe Kapitel Vaterschaft).


Väter in Trennungsfamilien

Alle beschriebenen Aufgaben für die gesunde Entwicklung der Kinder gelten umso mehr in Trennungs- und Scheidungssituationen, wo Väter in der derzeitigen gesellschaftlichen Situation die „geborenen“ Verlierer sind. Oft werden sie ausgegrenzt oder gar gedemütigt, weil ihre Ex-Partnerin verletzt und wütend ist und so Partner- und Elternrolle vermischt.

Die Abwertung des Ex-Partners geschieht offen oder subtil (siehe Kapitel Parental Alienation Syndrome). Die getrennt lebenden Elternteile – meistens die Väter - werden dann gegen ihren Willen ausgegrenzt und verlieren oft dauerhaft den Kontakt zu ihren Kindern. Abwesende Väter sind in sehr vielen Fällen abwesend, weil sie ferngehalten werden. Dies schädigt nicht nur die Väter in ihrer psychischen Gesundheit, sondern – bisweilen ein Leben lang - auch die betroffenen Kinder.

Das Trennungs- und Scheidungsrecht in Deutschland muss Väter endlich gleichberechtigt zu Müttern behandeln (siehe Kapitel Bezugsfamilie) und sie gleichwertig an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen. Väter dürfen nicht latent dafür benachteiligt werden, dass sie keine Mütter sind, wie dies offenbar in der Realität der Rechtsprechung und des Verwaltungshandelns immer noch geschieht.


Gefangen in der Herkunftsfamilie?

Rollenfixierung durch die Herkunftsfamilie

Viele Männer erleben schon als Jungen eine Fixierung auf bestimmte Rollen, die ihnen zugeschrieben werden und die sie dann ausfüllen sollen, ohne dass sie ihr Potential umfassend erkennen und ausleben dürfen. In früherer Zeit war dies der erstgeborene Sohn, der das Handwerk des Vaters ergreifen musste, obwohl seine Talente in einem anderen Bereich lagen. Auch heute tritt dieser Zwang noch auf, wenn auch latenter und heimlicher, was aber nicht unbedingt als eine Vereinfachung des transgenerationalen Drucks anzusehen ist. Wenn z.B. der Vater als Jurist unausgesprochen erwartet, dass sein Sohn auch Jurist wird, kann dies für den Jungen eine große Last darstellen, die er zwar spürt, aber nicht anzusprechen wagt.

Im Extrem ist die Herkunftsfamilie wie ein Gefängnis, in dem der Bewegungsspielraum eingegrenzt und die Sanktionen scharf sind. Dies trifft besonders für Familien mit psychischen Problemen und Störungen auf der Elternebene zu. Kinder sind dann in der Gefahr, zu Aufpassern und Kontrolleuren ihrer Eltern zu werden. Dieses als Parentifizierung bezeichnete Phänomen ist bei suchtkranken und depressiven Elternteilen fast regelhaft zu finden.


Das „System“ Herkunftsfamilie – gesund oder krank?

Neben den einzelnen Mitgliedern der Herkunftsfamilie spielt das System Herkunftsfamilie als Ganzes auch eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Kinder. Wie wurde mit Konflikten und Problemen umgegangen, welche Rollen haben Vater und Mutter eingenommen, wie wurden die Kinder einbezogen und insgesamt am Familienleben beteiligt? Die Funktionsweise der Herkunftsfamilie als Ganzes ist wichtig für die psychische Entwicklung und Gesundheit der Kinder. Sie kann zwischen krank, gestört und deshalb unsicher auf der einen Seite und gesund, nährend und sicher auf der anderen Seite variieren. Beispiele für elterliche Störungen sind u.a. Suchterkrankungen und Depressionen (siehe Kapitel Psychische Gesundheit).


Jungen und ihre Väter

Jungen in Familien erleiden besondere Entwicklungsrisiken, wenn Mütter oder Väter sich psychisch abweichend verhalten. Gewalttätige, suchtkranke, chronisch abweisende Väter sind genauso Bespiele wie narzisstische, depressive oder überbehütende Mütter. In jedem Einzelfall ist die Gefährdung des Kindes zu prüfen.

Jungen können in ihrer Entwicklung zum Mann gefährdet sein, wenn der Vater dauerhaft erniedrigt und gedemütigt wird, wenn er – etwa nach einer Trennung – subtil oder offen von der Mutter verunglimpft und bezichtigt wird oder wenn der Vater übermäßig aggressiv, impulskontrollgestört und angsterzeugend ist. Oft setzen sich die dysfunktionalen Verhaltensweisen transgenerational fort: Aus misshandelten oder ungeliebten Jungen werden nicht selten ebensolche Väter. Aber der negative transgenerationale Kreislauf der Herkunftsfamilie kann durch Achtsamkeit, Selbstreflexion oder Psychotherapie durchbrochen werden. Wenn Sie selbst solche Erfahrungen als Junge oder Vater gemacht haben, wissen Sie besonders genau, was ich meine!


Väterlichkeit erzeugt Männlichkeit

Der Vater ist das wichtigste Vorbild für einen Jungen auf seinem Weg zum Mann. Deshalb sind die Rolle, die Zuwendung und das Verhalten des Vaters speziell für Jungen wichtig. Was kann der Junge vom Vater lernen? Neben Kraft und Stärke (in einem positiven Sinne), Geduld, Ehrlichkeit, Hoffnung, Ausdauer, Schlauheit, Stressbewältigung, Gelassenheit, Schutz und so vieles mehr.

Sie finden im Kapitel Männliche Archetypen mehr zu diesem Thema. Es geht dabei um grundlegende Rollen des Mannseins und Formen von Männlichkeit, die Jungen von ihren Vätern lernen, wie z.B. Stärke, Schutz, Klugheit, Einfühlungsvermögen, Humor, Kreativität u.v.m.


Wenn Sie den Eindruck haben, Sie haben zu wenig von Ihrem Vater bekommen, machen Sie sich auf die Entdeckungs- und Entwicklungsreise. Mit Selbsterfahrung oder Psychotherapie. 


Paarbeziehungen und Herkunftsfamilie

Aber nicht nur die Rolle des Vaters und der Mutter in der Herkunftsfamilie sind von großer Bedeutung, sondern natürlich auch die Art und Qualität der Partnerschaft der Eltern. Dies betrifft vor allem die später entstehenden eigenen Paarbeziehungen der herangewachsenen Kinder. Unsere Paarbeziehungen stehen oft ganz stark unter dem Einfluss der Herkunftsfamilien. Die Bindungsmuster, die in einer Partnerschaft vorherrschen – Unsicherheit, Ambivalenz, Chaotismus, aber auch Sicherheit und Verlässlichkeit und die Tiefe einer Liebe – haben viel mit den in der Herkunftsfamilie erlebten Bindungen zu tun. Sie sind Vorbild und Blaupause für das eigene Verhalten in einer Partnerbeziehung (siehe Kapitel Bezugsfamilie). 

Die Herkunftsfamilien sind für Partnerwahl und Partnerschaft der Kinder hoch bedeutsam und meist determinierend. Die Ursache liegt in den vielfältigen Einflüssen der Herkunftsfamilie auf die Entwicklung der Kinder: Modelllernen, Werte, Sozialschicht, Interaktionskompetenzen und Emotionsregulation werden alle in der Herkunftsfamilie geprägt und eingeübt. Sie bilden eine wichtige Grundlage für das spätere Partnerwahlverhalten der Kinder.

Wie sich die Erfahrungen aus der Herkunftsfamilien in Paarbeziehungen konkret auswirken, hängt von persönlichen Merkmalen und den Interaktionen der Partner in ihrem jeweiligen Systemkontext ab. Viele Forschungsergebnisse deuten auf eine Neigung zur Wiederholung der erlernten Modelle hin. In zahlreichen Untersuchungen zeigte sich, dass die Paarbeziehungen der Eltern, aber auch von Großeltern und anderen Verwandten für die nachfolgenden Generationen als Vorbilder bedeutsam sind. Haben beide Partner konflikthafte oder distanzierte Paarbeziehungen in ihren Herkunftsfamilien erlebt, fehlt es ihnen meistens an konstruktiven Partnerschaftsmodellen und partnerschaftsrelevanten Kompetenzen. Oft kennen sie aus ihren Herkunftsfamilien eher destruktive Umgangsweisen, die sie dann mangels Alternativen reproduzieren (siehe Kapitel Partnerschaft). 

Damit ungünstige Partnerschaftskonstellationen oder Verhaltensmuster in Partnerschaften nicht zu einem transgenerationalen Drehkarussell werden, gilt es, die dysfunktionalen Muster in Passung und Verhalten zu erkennen und zu verbessern. Der Idealfall besteht natürlich darin, diese Muster von Anfang zu vermeiden. Da aber Partnerschaftlichkeit nicht systematisch gelernt und gelingendes Leben in der Schule nicht vorbereitet wird, stellt der Idealfall auch den Ausnahmefall dar.


Die Störungen in Familien belasten vielfach die Kinder

Die geschilderten familiären Abläufe beschreiben natürlich in vielen Fällen das Ideal von Familie. Nach meinen eigenen Untersuchungen herrscht in ca. 40% aller „Normalfamilien“ chronischer Alltagsstress, in ca. 70% aller psychisch belasteten Familien (z.B. durch ein suchtkrankes Elternteil) ein hohes Ausmaß an Stress, Disharmonie und Unberechenbarkeit. Mit anderen Worten: Die Familie ist kein Hort der Harmonie und oft keine wirklich nährende und förderliche Basis für die psychisch gesunde Entwicklung von Kindern. Mit den Belastungen innerhalb einer Familie und ihrer möglichen Bewältigung beschäftigt sich vor allem die Klinische Familienpsychologie und die Resilienzförderung. 

Buchtipps

1. Wolfgang Hantel-Quitmann [2015]. Klinische Familienpsychologie. Familien verstehen und helfen. Stuttgart: Klett-Cotta


2. Bodenmann, Guy [2016, 2. überarb. Aufl.]. Klinische Paar- und Familienpsychologie. Göttingen: Hogrefe).


Bewältigung und Weiterentwicklung

Hilfen für belastete Familien und Kinder

Als Hilfen können Eltern sich an Erziehungsberatungsstellen und Familientherapieeinrichtungen wenden. Betroffene Kinder sollten frühzeitig Präventions- und Hilfemaßnahmen erhalten. Aber auch noch im Erwachsenenalter können Menschen mit schwerwiegenden Belastungen aus der Herkunftsfamilie Hilfe und Unterstützung erhalten. Oft wissen Menschen nicht, dass sie mit einem psychisch kranken Elternteil in der Herkunftsfamilie aufgewachsen sind. Die folgende kurze Fallgeschichte verdeutlicht einen solchen Hintergrund.

Fallbeispiel

Gerhard F. (45)


Gerhard ist der älteste von zwei Brüdern. Die Eltern haben sich in seiner Kindheit oft lautstark gestritten. Er hat dabei nie recht verstanden, um was es ging. Kleinste Auslöser haben zum Streit geführt. Sein Vater war Dipl.-Ingenieur in einer Maschinenbaufirma, die Mutter eine Sachbearbeiterin im Katasteramt der kleinen Kreisstadt, in der die Familie wohnte.

Der Vater wird als verschlossen, launisch und emotional kalt beschrieben, die Mutter bemühte sich sehr um die Söhne, hatte aber immer wieder längere depressive Phasen, teilweise auch mit Klinikaufenthalten. Herr F. war dann zusammen mit dem Bruder für viele dunkle Tage, wie er sich erinnert, mit dem Vater alleine in der Wohnung. Er kümmerte sich so gut er konnte um seinen jüngeren Bruder und versuchte ihn vor den Launen des Vaters abzuschirmen.

Erst in einer eigenen Psychotherapie hat Herr F. gelernt, dass sein Vater an einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung litt, ohne dass ihm dies selbst klar war. Die Depression der Mutter stand im Fokus der Familie, das unbekannte Leiden des Vaters wurde als Ausdruck seines „üblen Wesens“ angesehen. Auch er selbst sieht sich als gefährdet für negative Verhaltensweisen und will, dass sein erst vor drei Jahren geborener Sohn in psychologisch besseren Verhältnissen aufwächst. Deshalb hat er unlängst eine Psychotherapie begonnen.

Wieviel Einfluss hat die Herkunftsfamilie?

Den Einfluss der Herkunftsfamilie auf die Entwicklung eines Menschen zu quantifizieren, ist ein schwieriges Unterfangen, da biologische und psychosoziale Faktoren sich im Regelfall ergänzen und verstärken. Der Regelfall, die klassische Kleinfamilie, ist auch heute immer seltener (wenn auch noch über 50%), da viele neue Familienformen entstanden sind: Patchwork, Queer, Alleinerziehende, Mehrgenerationen, Wohngemeinschaften u.v.m. Deshalb kommen viele psychosoziale Einflüsse bei der Entwicklung des Kindes dazu, die es so in früheren Zeiten nicht gab.

Dennoch ist davon auszugehen, dass die genetischen und epigenetischen Einflüsse bei der Entwicklung von Kindern sehr stark sind, aber je nach interessierendem psychologischem Merkmal (Intelligenz, Humor, Ängstlichkeit, Depressivität, Extraversion usw.) auch stark variieren. Der Mittelwert all dieser Einflussfaktoren liegt deutlich über 50%. Insbesondere Intelligenz, Aggressivität und Depressivität weisen einen hohen genetischen Anteil auf. Aber dennoch sind die Möglichkeiten individueller Entwicklung in gewissem Rahmen über die eigenen Anlagen hinaus stets möglich.

Heilung von der Herkunftsfamilie?

Wenn Menschen unter ihrer Herkunftsfamilie zu sehr gelitten haben und die Beschädigungen aus eigener Kraft nicht zu korrigieren vermögen, können sie trotzdem ein zufriedenstellendes Leben finden und ausreichend Wohlbefinden erlangen.

Die psychotherapeutische Methode der Familienrekonstruktion, ursprünglich entwickelt von der amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir, ist ein wirkungsvoller Ansatz zur Heilung tiefer Wunden aus der Herkunftsfamilie. Erwachsene, die ungeliebte, vernachlässigte und geschlagene Kinder waren, können durch das Erleben ihrer Familiengeschichte aus der Perspektive ihrer Vorfahren (meistens der Großeltern oder Eltern) neue Perspektiven entwickeln und bisher ungelebte Lösungen finden, um mit dem eigenen Leben besser zurecht zu kommen.

Auch können so gewonnene Sichtweisen auf das eigene Leben, sich selbst und die Eltern und andere wichtige Verwandte verändert und im wahrsten Sinne aufgelockert werden. Naheliegenderweise erzeugt dies auch andere Emotionen den signifikanten Personen des eigenen Lebens und sich selbst gegenüber. Nicht immer – aber oft genug – geht es am Ende auch um Verzeihung und Vergebung diesen Personen gegenüber.

Merke: Seine Herkunftsfamilie kann man nicht auswählen – aber man kann neue Familiengeschichte schreiben und die alte überschreiben!
Der Ansatz der Familienrekonstruktion ist dabei nicht zu verwechseln mit dem deterministischen Vorgehen bei einer sogenannten Familienaufstellung (nach Hellinger), die auch wissenschaftlich psychologischer Sicht abzulehnen ist, vor allem wegen der unzureichend kontrollierten Neben- und Langzeitwirkungen.


Nachbeelterung kann helfen – in jedem Alter
Vielfach brauchen Menschen vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen eine „sanfte Nachbeelterung“. Darunter ist die Kompensation von Schwächen, Defiziten bis zu tatsächlichen Schädigungen aus der Erziehung in der Herkunftsfamilie zu verstehen. In einfachen Fällen kann dies durch einfühlsame andere Verwandte (vor allem die Großeltern), besonders empathische Erzieher und Lehrer (beiderlei Geschlechts) oder auch Nachbarn geschehen. In der Kindheit fehlte möglicherweise Nähe und Wärme, eine stabile Bezugsperson oder wichtiges Wissen über das Leben wurde nicht vermittelt. Bei nachhaltigen Schädigungen aus der Herkunftsfamilie kann eine familienorientierte Psychotherapie (siehe Kapitel Hilfen) helfen.


Ein Psychotherapeut hilft

Eine Nachbeelterung kann helfen, die Defizite in der familiären Sozialisation zu kompensieren und sich weiterzuentwickeln. Dabei suchen Männer oft erst recht spät neue Wege für die eigene Psyche zum Aufbau eines stabileren Ichs. Oft fühlen sie sich vorher stark und erkennen ihre Schwächen nicht oder verdrängen diese mit viel Energie. Wenn sie dann dringend Hilfe suchen, bisweilen nach einem Zusammenbruch oder in einer tiefen Lebenskrise, geschieht dies oft bei einem männlichen, väterlich wirkenden Psychotherapeuten. Diesem traut der hilfesuchende Mann am ehesten zu, die Defizite durch den ehemals abwesenden, negativ wirkenden, strafenden oder einfach selbst nicht psychisch gesunden Vater aus der Herkunftsfamilie auszugleichen. 

Sigmund Freud hatte schon für das, was dann passiert, das Konzept der Übertragung geprägt. Gemeint ist damit, dass ein hilfesuchender Mensch seine – meist unbewussten – Vaterbilder auf den Therapeuten überträgt und die dazu passenden Emotionen und Kognitionen aktiviert, die dann in der Therapie verändert werden können. Mit der Mutter kann es entsprechend laufen.


Lebenskonzepte und Modellvorstellungen in Herkunftsfamilien

Mit ihrer Lebenspraxis und ihrem Lebensstil vermitteln Familien ihren Kindern detailreiche Modellvorstellungen über sich selbst, die Umwelt und das Zusammenleben in den einzelnen Lebensbereichen. Daraus werden vom lernenden Kind Erwartungen und Bewertungskriterien über Interaktionspartner und Situationen abgeleitet. Diese Modellvorstellungen, auch innere Repräsentationen, Scripts oder Lebenskonzepte genannt, wirken wie Regieanweisungen für das eigene Verhalten und werden im Laufe der Zeit automatisiert und als Schemata abgespeichert

Schemata sind dann unbewusste Welt- und Menschenbilder, welche die Grundlage für eigenes Denken, Wahrnehmen und Verhalten bilden. Sie beeinflussen unbewusst die eigene Lebensgestaltung, die Beurteilung von Personen und Situationen und sind auch mitverantwortlich dafür, welche Emotionen in Situationen ausgelöst werden. Dieses familiale Erbe führt aber zu Problemen, wenn das schematische Verhalten nicht den Anforderungen entspricht, vor allem wenn die Schemata der Beteiligten inkompatibel oder dysfunktional sind (siehe Kapitel Beziehungsgestaltung). Da Schemata meist weder bewusst noch leicht willentlich veränderbar sind, reichen reine Vorsatzbildungen oder Entschlüsse zur Verhaltensänderung meist nicht aus. Es bedarf intensiverer Bemühungen zur Veränderung der zugrundliegenden Schemata. Dies kann z.B. in Selbsterfahrungsgruppen oder Psychotherapie gelingen (siehe Kapitel Hilfen).


Herauswachsen aus der Herkunftsfamilie

Bei allem Einfluss der Herkunftsfamilie auf unser Leben ist es die Aufgabe gelingender Entwicklung die Determination der Herkunftsfamilie zu überwinden, Gutes zu bewahren und zu vertiefen, Neues zu wagen und Ungeeignetes loszuwerden. Dies gelingt oft nur in Grenzen. Aber die Erfahrung des Gelingens, dass ungünstige Anlagen oder biographische Erfahrungen (z.B. eine genetische Anlage zum Alkoholismus oder das exzessiv trinkende Vatermodell) überwunden werden können, ist eine zentrale Voraussetzung für Selbstwert und Selbstwirksamkeit. Und die auf die Herkunftsfamilie folgende Bezugsfamilie (siehe Kapitel Bezugsfamilie) ist die hervorragende Chance, Gelerntes besser zu machen, Neues auszuprobieren und Gutes zu bewahren und weiterzugeben. Auch in der Bezugsfamilie werden Eltern nicht perfekt sein, aber sie können besser sein und damit von Generation zu Generation das Leben für Kinder gewaltfreier, liebevoller und damit besser machen. 

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