Bei tödlichen Badeunfällen in Deutschland und weltweit sind die Opfer fast immer Männer. Der Anteil unter den Ertrunkenen liegt hierzulande seit vielen Jahren zwischen 75% und über 80%. Warum sind Männer stärker gefährdet? Was kann helfen? Besonders bei Hitzewellen steigt die Zahl der Badeunfälle. Und nach der Hitzewelle ist vor der nächsten Hitzewelle.
Tödliche Bade- und Schwimmunfälle in Deutschland
Auch der Sommer 2026 hat bereits gezeigt, wie schnell es zu tödlichen Badeunfällen in Deutschlands Flüssen und Seen kommen kann. An einem einzigen Hitzewochenende Ende Juni ertranken 26 Personen, alle Männer. Besonders wenn die Hitze extrem wird, steigt auch die Zahl der Badeunfälle. Nach der Dokumentation der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sind im Jahr 2025 in Deutschland mindestens 393 Menschen ertrunken. Auch hiervon waren über 80% Männer. Die DLRG berichtet von einer auffälligen Häufung tödlicher Badeunfälle unter männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen einerseits und bei Männern über 60 Jahren.
Mit über 90% ereignen sich die meisten tödlichen Badeunfälle nicht in Schwimmbädern, sondern in natürlichen Gewässern, Flüssen und Seen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Vor allem: Strömungen werden unterschätzt und Wassertemperaturen schwanken erheblich. Außerdem fehlen meist Rettungsschwimmer oder andere Aufsichtspersonen. Gerade Flüsse stellen wegen überraschender Strömungen ein besonderes Risiko dar. Selbst erfahrene Schwimmer unterschätzen oft die Kraft solcher Strömungen, den Sog durch vorbeifahrende Schiffe oder plötzliche Temperaturunterschiede, vor allem durch kaltes Tiefenwasser.
Die gefährliche Illusion der Unverwundbarkeit: Warum tödliche Badeunfälle vor allem Männer betreffen
Viele wissenschaftliche Studien zu diesem Thema fanden immer wieder die genannten Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Bereich von Unfällen und riskantem Verhalten im Wasser. Es zeigt sich, dass Männer deutlich häufiger als Frauen Gefahren unterschätzen, Risiken eingehen, ihre eignen Fähigkeiten und Kräfte beim Schwimmen überschätzen und öfter Alkohol und Drogen konsumieren, bevor sie ins Wasser gehen.
So kommt es, dass Übermut und unrealistische Selbsteinschätzung wesentliche Ursachen der hohen Zahl männlicher Ertrunkener darstellen. Speziell junge Männer neigen dazu, ihre körperlichen Fähigkeiten zu überschätzen, Gefahren zu ignorieren und Warnungen nicht ernst zu nehmen. Mutproben und demonstratives Angeberverhalten gegenüber anderen Männern oder beobachtenden Frauen kommen hinzu.
Das übertrieben riskante Verhalten, vor allem junger Männer, zeigt sich auch in anderen Lebensbereichen und führt insgesamt zu mehr Unfällen und vorzeitigen Todesfällen. Für die Prävention ist es wichtig, das gesamte Cluster der unfallaffinen Risikoverhaltensweisen von – insbesondere jungen – Männern und Jugendlichen anzusprechen. Das Bedürfnis, Stärke, Mut oder Leistungsfähigkeit vor anderen zu demonstrieren, spielt dabei die entscheidende Rolle. Besonders problematisch wird diese Dynamik in Gruppen. An heißen Sommertagen kommt es häufig zu spontanen Mutproben, zu Sprüngen in unbekannte Gewässer oder zum Schwimmen über größere Distanzen hinweg. Die vorhandenen Risiken werden dabei oft unterschätzt. Leichtsinn, Risikofreude und Angeberverhalten werden oft noch von schlechten Schwimmfähigkeiten ergänzt. Besonders junge Migranten haben oft nur mangelhafte oder gar keine Schwimmkenntnisse und -erfahrungen.
Alkohol als Risikofaktor
In der Unfallforschung ist außerdem schon lange bekannt, dass Alkoholeinfluss bei 30% bis 35% aller Ertrunkenen eine Rolle spielt. Hinzu kommen zunehmend andere Substanzen (Cannabis, Kokain, Amphetamin usw.), obwohl die Datenlage hierzu noch schwach ist.
Die Alkoholwirkung erhöht die Risikobereitschaft und schwächt die körperlichen Kräfte. Eine fatale Doppelwirkung. Bereits bei moderaten Alkoholmengen erhöht sich das Risiko. Höhere Blutalkoholkonzentrationen gehen mit einem drastischen Anstieg des Ertrinkungsrisikos einher. Auch hier wieder vor allem bei Männern.
Alkohol beeinträchtigt Koordination, Reaktionsvermögen und Urteilsfähigkeit einerseits, andererseits steigert die Alkoholwirkung Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung. Im Wasser kommt hinzu, dass alkoholbedingte Störungen des Gleichgewichts, der räumlichen Orientierung und der Herz-Kreislauf-Aktivität fatale Folgen haben können.
Wenn das Herz versagt
Während junge Männer häufig durch riskantes Verhalten und Leichtsinn auffallen, zeigt sich bei älteren Männern ein anderes Muster. Viele tödliche Badeunfälle bei über 50-Jährigen entstehen Notfälle im Herz-Kreislauf-Bereich. Kaltes Wasser, das überraschend vor allem in der Tiefe auftreten kann, führt zu einer abrupten Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Herzfrequenz und Blutdruck steigen innerhalb von Sekunden an. Bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (oft noch unentdeckt) oder Herzrhythmusstörungen kann dies akute kardiale Notlagen (Herzanfall, Atemstillstand usw.) auslösen.
Hinzu kommt die sogenannte Kälteschockreaktion. Der plötzliche Kontakt mit kaltem Wasser löst eine unwillkürliche Hyperventilationsreaktion aus. Gleichzeitig steigen Sauerstoffbedarf und Herzschlag deutlich an. Bei vorgeschädigten Personen kann daraus eine lebensbedrohliche Situation entstehen, in deren Verlauf sie die Kontrolle verlieren und ertrinken.
Das lautlose Sterben unter Wasser
Genau in solchen Situationen ertrinken Menschen oft unbemerkt von anderen Badegästen. Es handelt sich dann um ein gefährliches lautloses Geschehen.
Betroffene sind oft nicht mehr in der Lage, sich bemerkbar zu machen und um Hilfe zu rufen. Der Betroffene versucht zunächst reflexartig, das Eindringen von Wasser in die Atemwege zu verhindern. Es kommt zu Atemnot, Panik und oft zu Bewusstlosigkeit infolge der Hypoxie (Sauerstoffmangel). Deshalb sollten Schwimmende in freien Gewässern immer unter Beobachtung anderer Personen (Freunde, Angehörige) stehen.
Prävention: Vor dem Baden nachdenken
Ertrinken ist ein komplexes Geschehen mit einem Vorlauf verschiedener Denk- und Handlungsakten und Entscheidungen, der beeinflusst werden kann. Das typisch männliche hyperriskante Verhaltensmuster ist erkennbar und veränderbar. Männer ertrinken nicht häufiger, weil sie schlechter schwimmen können, sondern weil sie sich falsch einschätzen, unnötige Risiken eingehen, um andere zu beeindrucken, und durchaus wahrnehmbare Grenzen überschreiten. Sie geraten dadurch häufiger in Situationen, in denen jeder sehr gute Schwimmer an oder über seine Grenzen kommt.
Das größte Risiko am Wasser ist ein mentales. Also nicht die Strömung, die Tiefe oder die Temperatur des Gewässers, sondern die Überzeugung, dass einem selbst schon nichts passieren wird, weil man stark und kräftig ist. Genau diese Fehleinschätzung ist bei Männern immer noch weit verbreitet – und sie kostet jedes Jahr ca. 500 Menschen das Leben.
Empfehlungen und Tipps:
1. Zeige - auch in Gruppen und vor anderen - Selbstklugheit! Dies bedeutet, keine unabschätzbaren Risiken einzugehen. Der männliche Mann ist klug und mutig. Dazu gehört, weder sich selbst noch andere in unnötige Gefahr zu bringen.
2. Beobachte Dich beim Baden und Schwimmen! Wenn Du den Eindruck hast, dass Du zu weit raugeschwommen bist und dass ein Verlust der Verhaltenskontrolle im Wasser droht, korrigiere Deine Lage sofort! Aber ruhig und ohne Panik.
3. Bringe Dich nicht in unkalkulierbare Risikosituationen. Sie sind es niemals wert. Die Personen (Peers, Frauen), die Dich beobachten, schätzen Dich nicht wegen Deines Übermutes und Leichtsinns, sondern wegen Deiner Umsicht und Selbstklugheit.
4. Wenn Du eine Vorerkrankung hast, stelle Dein Verhalten darauf ein und glaube nicht, dass Du an Fähigkeiten von vor 10 oder 20 Jahren anknüpfen kannst. Es ist klug und weise, sich selbst richtig einschätzen zu können.
5. Natürlich sollst Du die Erfrischung und den Spaß im Wasser genießen. Dazu braucht es aber keinen Leichtsinn und keine Mutproben.
