UA-176845053-2 Der Odysseus im modernen Mann (Weisheit für Männer #4) - Mens Mental Health

August 1

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Der Odysseus im modernen Mann (Weisheit für Männer #4)



Der aktuelle Film „The Odyssee“ von Christopher Nolan ist geeignet, eine Odysseus-Mania auszulösen. Denn damit kommen uralte und zugleich hochaktuelle Männerthemen in den Fokus der Öffentlichkeit, die nicht vorab negativ konnotiert sind, wie dies sonst so oft der Fall ist. 

Der moderne Mann besaß noch nie so viele Freiheiten und leidet zugleich unter so vielen Zweifeln und Selbstwertproblemen. Er kann seine Identität nahezu beliebig ausformen, im Pass zur Frau werden, sexuelle Orientierungen ausleben, Familienmodelle neu gestalten, hemmungslos Gefühle zeigen, alleinerziehender Vater sein oder bewusst auf all dies verzichten und als Single leben. Alte Rollenmuster haben ihre Selbstverständlichkeit verloren. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer sind offener geworden als jemals zuvor. Und gerade das macht vielen Männern Probleme. Denn diese Freiheiten sind ohne Sinn und Orientierung hohl und nicht erfüllend. Nicht Freiheit allein, sondern Verantwortung und Erfülltheit bringen Orientierung und damit Lebenssinn. Aber Orientierung wird heutzutage nicht mehr automatisch in Erziehung und Schule mitgeliefert. Jeder muss sie sich erarbeiten. An dieser Stelle kommt so einer wie Odysseus ins Spiel. Ein zweifelhafter Held, aber einer, dessen Weg gerade Männern heutzutage vieles sagen kann. 

Die Suche des modernen Mannes nach Orientierung im Labyrinth der Beliebigkeiten

Denn es fehlt vor allem an Orientierung: Wer gerade jungen Männern heute zuhört, begegnet kaum mehr Geschichten von männlichen Vorbildern oder gar Helden. Es tauchen vor allem Selbstzweifel und Unsicherheit auf. Dies führt zu Selbstunsicherheit und Neurotizismus, bei anderen zu Radikalisierung und Aggressivität. Was bedeutet es heute eigentlich, ein guter Mann zu sein? Welche Eigenschaften verdienen Bewunderung? Woran kann sich ein Junge orientieren, wenn die traditionellen Bilder des Mannes brüchig geworden sind, neue Leitbilder aber kaum sichtbar sind? Diese Fragen sind weder nostalgisch noch reaktionär. Sie sind psychologisch zwingend notwendig.

Denn die für Orientierung und Selbstwert nötige Identität auf der Basis eines gefestigten Charakters entsteht niemals im luftleeren Raum. Jeder Mensch entwickelt sein Selbstbild im Spannungsfeld zwischen den Erwartungen seiner Umwelt und den Geschichten, die seine Kultur über ein gelingendes Leben erzählt. Unsere Epoche macht es jungen Männern besonders schwer, zu sich selbst zu finden. Sie lernen weniger an ihren Vätern und Lehrern, weil es diese in zu vielen Fällen schlichtweg nicht gibt. So entsteht allzu oft Orientierungslosigkeit oder eine problematische radikalisierte oder übermäßig diffuse männliche Identität. Wir können in diesem Orientierungsvakuum aber wieder an Figuren lernen, die uns seit Jahrhunderten kulturell begleitet haben. Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Was im Schulsystem schon fast passiert ist, oft mit der Begründung, dass sie nicht feministisch genug sind. Dies hat schon den Charakter einer Zensur. 

Der Archetyp des polytropen Odysseus

Dabei bietet gerade die antike Erzählung der Odyssee alles, was moderne Menschen in einer Sinn- und Lebenskrise brauchen, vor allem Resilienz und Weisheit. Schon in der ersten Zeile der Odyssee bezeichnet Homer Odysseus als polytrop, was so viel wie vielgestaltig bedeutet. Die feministische Altphilologin Emily Wilson übersetzte es – völlig falsch – mit „komplizierter Mann“. Da kommen wohl unbewusste negative Projektionen zum Tragen. Der amerikanische Altphilologe Richmond Lattimore prägte den Begriff „Mann der vielen Wege“. Dies ist passender, neutraler und sicherlich auch gerechter. 

Odysseus kann den heutigen Jungen und Männern ein höchstaktueller Zeitgenosse auf ihren oft schwierigen Wegen durch die misandrische (männerfeindliche) Welt werden. Mythen und große Erzählungen wie die Odyssee sind das psychologische Gedächtnis einer jeden lebendigen Kultur und können als bleibende Archetypen, wie dies schon C.G. Jung postulierte, Orientierung und Sinn geben (siehe Männliche Archetypen - mehr als Märchenfiguren).

Es braucht starke Geschichten für eine starke Persönlichkeit

Der amerikanische Psychologe Jerome Bruner hat einmal geschrieben, dass Menschen ihr Leben in Form von Geschichten verstehen und weitererzählen. Nicht Fakten verleihen unserem Dasein Bedeutung, sondern vielmehr die Erzählungen, in die wir unser Leben einordnen. Und die Odyssee ist eine solche zeitlose Erzählung, die auch in der heutigen Epoche vieles aufzeigen und erklären kann. Viktor Frankl, Begründer der sinnorientierten psychotherapeutischen Schule der Logotherapie, formulierte denselben Gedanken existenzieller: Der Mensch lebt nicht vom Glück, sondern vom Sinn. Und Sinn entsteht dort, wo das eigene Leben Teil einer größeren Geschichte wird, die dem Einzelnen einen tieferen Sinn bedeutet. Wenn Lebenssinn fehlt, entstehen immer mehr Orientierungskrisen.

Dies gilt in unserer heutigen Welt besonders für Männer, denen die alten Rollenbilder nicht mehr tragfähig erscheinen, neue aber noch unsicher und diffus sind. Gleichzeitig werden sie allzu oft pauschal abgewertet oder negativ stigmatisiert. Männerhass (Misandrie) ist weitgehend unbemerkt tief in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen. Für eine psychisch gesunde Entwicklung von Jungen braucht es starke Geschichten. Keine Geschichten nur von Stärke und Heldentum, sondern auch von Zweifeln, Fehlern und Suche. So wie die Odyssee. Das gilt besonders für Jungen, die von politischem oder religiösem Extremismus bedroht sind.

Wohlwollen, Verständnis und Respekt sind die Basisvoraussetzungen für gelingende Erziehung

Die öffentliche Diskussion über Männlichkeit konzentriert sich seit Jahren vor allem auf ihre problematischen Erscheinungsformen. Gewalt, Machtmissbrauch, emotionale Unzugänglichkeit oder sexuelle Übergriffigkeit werden intensiv diskutiert. Weniger Aufmerksamkeit erhält dagegen die Frage, welche positiven Entwicklungsziele Jungen heute verfolgen könnten. Vorbilder sind rar geworden, haben zweifelhafte Qualitäten oder werden schlichtweg aufgrund der weitverbreiteten misandrischen Stimmung negativiert (vgl. Wir müssen reden: Männer, Männlichkeit, Misandrie. (Weisheit für Männer #3) ).

Menschen entwickeln sich nicht allein dadurch, dass sie Fehler vermeiden. Sie entwickeln sich dadurch, dass sie etwas Erstrebens- und Nachahmenswertes vor Augen haben. Dies fehlt vielen Jungen heutzutage. Der amerikanische Männerpsychologe Richard Reeves beschreibt in seinem Buch „Of Boys and Men“ eine Entwicklung, die inzwischen in vielen westlichen Gesellschaften sichtbar wird. Es fehlt Jungen ein erkennbarer Weg zum gelingenden Mannsein. Hinzu kommt, dass Nachteile („Gaps“) für Jungen systematisch wachsen, ohne dass dies ins öffentliche Bewusstsein gerät: So erzielen Jungen im Durchschnitt schlechtere Bildungsabschlüsse als Mädchen, verlassen häufiger die Schule ohne Abschluss und geraten öfter in soziale Randlagen. Dabei werden ihnen schlechtere Leistungen und kognitive Fähigkeiten vom pädagogischen Personal (überwiegend Frauen) implizit zugeschrieben, wie viele psychologische Bildungsstudien zeigen. 

Auch im weiteren Lebensverlauf zeigen sich verstärkt Probleme: Männer weisen deutlich höhere Suizidraten auf, leben kürzer und nehmen psychotherapeutische Hilfe seltener in Anspruch. Außerdem sterben Männer durchschnittlich 4.5 Jahre früher, ohne dass dies im Gesundheitsbereich zu einem Aufschrei führt. 

Der britische Psychologe John Barry spricht deshalb von einer „blinden Stelle“ gegenwärtiger Geschlechterpolitik: Während über die Benachteiligungen von Frauen intensiv erforscht und diskutiert werden, blieben spezifische Probleme von Jungen und Männern häufig erstaunlich randständig und außerhalb des öffentlichen Bewusstseins.

Diese Befunde sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Fortschritte der Gleichberechtigung gehören zu den großen Errungenschaften moderner Gesellschaften. Doch jede gesellschaftliche Entwicklung verändert den Blick auf beide Geschlechter. Wenn sich die Erzählungen über Frauen verändern, verändern sich zwangsläufig auch die Erzählungen über Männer. Dies darf aber nicht zu einer generalisierten Negativität und Abwertung führen. Die heutige Aufgabe besteht darin, für Jungen das Mannsein wieder attraktiv und lebenswert zu machen, ohne auf alte dysfunktionale Rollenbilder zurückzugreifen, und Wege zu einer gelingenden, positiven Männlichkeit aufzuzeigen. 

Die Wiederkehr des Odysseus - kein Zufall!

Um Wege zum gelingenden Mannsein und zu einer tieferen männlichen Reife aufzuzeigen, können gerade auch alte Archetypen mit zeitlosen Botschaften helfen. Hier kommen die Odyssee und die neue Odysseus-Mania gerade richtig. Vor beinahe drei Jahrtausenden erzählte Homer in mehr als 12.000 Gesangsversen im Rahmen von 24 Kapiteln über eine Figur, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat. Christopher Nolan bringt sie in diesem Jahr mit immensem Budget (ca. 260 Mill. $) und Aufwand auf die Kinoleinwand. Der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz hat ihr eine große Biographie gewidmet. Keine Gestalt der europäischen Literatur erfährt gegenwärtig eine vergleichbare Aufmerksamkeit. Es handelt sich um den Veteranen des trojanischen Krieges, Odysseus, den König von Ithaka, der nach Homers Erzählungen insgesamt 20 Jahre von seiner Heimat getrennt ist, davon 10 Jahre auf Irrfahrt nach Beendigung des Krieges um Troja.

Seine Suche wird zum Symbol für Prüfungen, Fehler und Verirrungen, aber auch für Resilienz, Ausdauer und Zielstrebigkeit. Odysseus verkörpert mehr als nur Stärke, Mut und Kraft. Er steht für die Ambivalenz eines Mannes, der Held war, und nun als traumatisierter Kriegsveteran auf der Suche nach sich, der Heimat, ist. Er weist eine besondere Klugheit, Listigkeit und Beharrlichkeit auf. Dies langt aber nicht, um vor einer 10-jährigen Irrfahrt nach dem Sieg über Troja geschützt zu sein. Odysseus muss extrem viel erfahren, erleben und erdulden, wie Homer schon in den ersten vier Versen der Odyssee als Einleitung und Überschrift darlegt. Er ist in einem tiefenpsychologischen Sinne also durch seine Kriegstaten nicht bei sich angekommen, sondern hat sich weiter und weiter von seinem Inneren entfernt. 

Auf Dauer zeigt sich aber, dass er am meisten für die Fähigkeit steht, selbst in schwierigsten Situationen immer wieder eine Orientierung zu finden. Selbst wenn er seinen Kurs verliert - und das geschieht in der Odyssee, die ja auch vordergründig auch ein Seefahrerbuch mit dem zu allen Zeiten üblichen „Seemansgarn“ ist, oft - findet er ihn immer wieder. 

Odysseus in der Gegenwart

Der moderne Mann kämpft nicht mehr gegen Zyklopen, Seeungeheuer oder Trojaner. Seine Gegner tragen andere Namen. Heutzutage geht es um Leistungsdruck, Negativierung, Orientierungslosigkeit, Digitale Dauerablenkung, Sucht und Depression, Einsamkeit und Verlassenheit, Erfahrungen von Scheitern und – ganz wichtig – Orientierungslosigkeit und das Gefühl der Sinnlosigkeit im Leben. Oder jene leise Gefahr, sich so sehr den Erwartungen anderer anzupassen, dass man irgendwann den Kontakt zum eigenen inneren Kompass verliert. Genau hier beginnt die eigentliche Größe Homers. Er erzählt nicht die Geschichte eines Mannes, der die Welt besiegt, sondern die Geschichte eines Mannes, der die Widrigkeiten der Welt, die ihm oft feindselig gesonnen ist, bewältigt. Nicht mit Bravour, sondern gerade so. Mit äußerster Anstrengung, vielen Entbehrungen und Verlusten. 

Bemerkenswert ist, was Homer in seiner Gesangsdichtung besonders hervorhebt. Fast alle späteren Heldengeschichten erzählen davon, wie ein Mensch die Welt verändert. Die Odyssee erzählt davon, wie die Welt einen Menschen verändert. Vielleicht ist genau dies das Geheimnis ihrer ungebrochenen Aktualität. Sie ist keine Geschichte über Heldentum, vielmehr eine die Geschichte einer langen Reifung. Niemals in der Geschichte der Menschheit waren die manipulativen Fremdeinflüsse so stark wie heute. Massenmedien, Propagandatechniken, soziale Netzwerke und Einschränkungen der Meinungsfreiheit sind Skylla und Charybdis des 21. Jahrhunderts. 

Die Odyssee ist bis heute die tiefste Erzählung männlicher Resilienz, die unsere Kultur hervorgebracht hat. Es zeigt den Protagonisten im Kampf mit sich selbst und in unterschiedlichsten Interaktionsformen mit den weiblichen Heldinnen der Erzählung. Wahre Resilienz beginnt nicht dort, wo ein Mensch unverwundbar wird, sondern aller Belastungen und Tiefschläge den Weg zu sich selbst nicht verliert. Das wird am Umgang mit Verführungen (Circe, Kalypso) und Einflüsterungen (Sirenen) einerseits und den kontinuierlich stützenden und wohlmeinenden Ratschlägen und Handlungen der göttlichen Athene andererseits deutlich. Worin Odysseus noch besonders schlecht ist, ist die Selbstfürsorge. Als Mann seiner Zeit ist ihm dieses Konzept noch nicht bekannt. Der moderne Mann kann Selbstfürsorge einüben und trainieren (siehe Selbstfürsorge will gelernt sein (Männerrat #45)) – und sollte es auch, um mit den vielfältigen Anforderungen und Stressoren zurechtzukommen.

Der Krieg ist vorbei. Jetzt beginnt die eigentliche Reise

Der Krieg ist vorbei, aber jetzt beginnt die Erzählung des Mannes Odysseus und seiner Schiffsbestzungen. 12 Schiffe, 600 Männer. Die zehnjährige Reise macht die Odyssee zu einem einzigartigen Werk der Weltliteratur. Sie ist kein Epos über den Krieg, schon gar nicht eine Verherrlichung des Krieges, sondern zeigt das schwierige und oft trostlose Leben eines ehemaligen Helden, der doch nur ein traumatisierter Veteran und Suchender ist. Nicht der Sieg interessiert Homer, es gibt keinen Triumphzug wie in späteren Zeiten in Rom, sondern die Frage, was aus einem Menschen wird, nachdem der äußere Kampf vorbei ist, beschäftigt Homer.

Der Kampf mit den inneren Dämonen und Ängsten dominiert 10 Jahre lang die Handlung, die dieses psychische Geschehen immer wieder in die äußere Welt der Monster, Giganten und verführerischen, aber auch rätselhaften Frauen verlegt. Damit berührt die Odyssee ein Thema, das bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat. Angst spielt im Leben von Männern eine wichtige Rolle (vgl. Männer und Angst – Ursachen und Hilfen (Männerrat #30)). Sie sollten Angst nicht verdrängen, wo immer sie auftritt, sich ihr zu stellen, ist meist der erste Schritt zur Bewältigung. Die Verarbeitung des Erlebten, der Traumata und Verluste steht in Nolans Odyssee im Vordergrund ebenso wie die Suche nach Heimat und Identität in einer überwiegend feindseligen Welt. Damit sind Homers Odyssee und Nolans Film von großer Aktualität.

Odysseus und der moderne Mann

Auch der moderne Mann kämpft heute seltener gegen bewaffnete Feinde. Seine Auseinandersetzungen finden an anderen Orten statt: im Beruf, in Beziehungen, in wirtschaftlicher Unsicherheit, in familiären Konflikten oder im stillen Ringen mit dem eigenen Inneren. Er kämpft gegen Überforderung, gegen Einsamkeit, gegen Süchte, gegen Sinnverlust oder gegen die schleichende Erfahrung, sich selbst aus den Augen zu verlieren. Oft auch gegen negative Stereotype von Toxizität und Gewaltverhalten. Die moderne Psychologie kennt dieses Phänomen gut. Viele Soldaten erleben die schwersten psychischen Belastungen nicht an der Front, sondern erst nach ihrer Rückkehr. Führungskräfte geraten nach beruflichen Erfolgen in existenzielle Krisen. Spitzensportler berichten von tiefer Leere nach großen Siegen.

Viktor Frankl sprach in diesem Zusammenhang vom „existentiellen Vakuum“ - jenem Zustand, in dem äußere Ziele erreicht sind, innere Orientierung jedoch verloren geht. Der innere Kompass fehlt vielen Männern nach solchen Erlebnissen. Oft ist es so, als ob der innere Spiegel des Selbst zerbrochen ist. Homer beschreibt genau diese Erfahrung fast drei Jahrtausende früher. Sie ist also allgemein menschlich und tritt besonders im Leben von Männern auf, die nach neuer Identität suchen. Heutzutage kommt noch etwas hinzu.

Ein grauer Schleier des Negativen hat sich auf die Welt der Jungen und Männer im Westen gelegt. Jungen erleben, dass Männlichkeit in Medien und Bildungseinrichtungen pauschal schlecht gemacht wird. Sie erfahren Feindseligkeit, alleine weil sie dem männlichen Geschlecht angehören. In vielen Kontexten gelten sie als toxisch, ohne dass sie mit solchen Verhaltensweisen etwas zu tun haben. Es ist eine neue Erbschuld, die sich auf das Geschlecht der Nachfolger von Adam, Odysseus und Karl, dem Großen, gelegt hat. Dabei brauchen Jungen wieder einen Weg zu funktionaler, prosozialer Männlichkeit, ohne sich selbst zu verlieren (vgl. Männer und echte Stärke – das braucht es wieder!). 

Das ganze Leben ist eine Kette von Prüfungen

Liest man die Odyssee nicht als Abenteuerepos, sondern als Entwicklungsgeschichte, verändert sich ihr Charakter vollständig. Die Inseln, auf denen Odysseus landet, sind dann keine geographischen Orte mehr, sondern Landschaften der menschlichen Seele. Jede Station konfrontiert ihn durch eine neue Prüfung mit einer anderen Grundfrage des Lebens. Jede Prüfung stellt eine Tugend infrage, ohne die Reifung nicht möglich ist. Gerade darin liegt die psychologische Genialität Homers. 

Polyphem: Die Macht des ungezügelten Ichs.

Die Polyphemgeschichte steht für den Mann, der seine Gefühle selbst im Angesicht der größten Gefahren und Verluste kontrollieren kann. Circe - Die Gefahr der Selbstvergessenheit. Die Geschichte der Begegnung mit Circe, die am Ende ein ganzes Jahr dauert, zeigt, wie den Verlust der inneren Kräfte aufgrund äußerer Verführung und wie ein Mann diesen standhalten kann. Der amerikanische Psychoanalytiker James Hollis beschreibt diesen Prozess in seinen Büchern über die männliche Entwicklung als schleichenden Verlust der eigenen Berufung. Viele Menschen scheitern nicht spektakulär. Sie entfernen sich Schritt für Schritt von sich selbst. Sie funktionieren nur noch und erfüllen Erwartungen. Sie sind erfolgreich. Und bemerken irgendwann, dass sie zwar Karriere gemacht, dabei aber ihre innere Stimme verloren haben. Es handelt sich um eine lautlose Selbstentfremdung. Am Ende gelingt es Odysseus mit Klugheit und Klarheit, die Zuwendung der Circe zu gewinnen. Er erobert sie mit Hingabe und Sex und bekommt ihre Loyalität und Nähe. Sobald er das Zusammensein mit ihr als oberflächlich und eng empfindet, muss er sie verlassen, um sich nicht weiter zu verlieren. 

Die Sirenen - Warum Freiheit Selbstbegrenzung braucht 

Hier geht es um falsche Versprechungen. Die Sirenen versprechen in ihrem Gesang Wissen, Erkenntnis, Glück. Alles. Sie sind die perfekten Verführerinnen. Wer ihnen folgt, geht zugrunde. Odysseus entscheidet sich für einen dritten Weg. Er verschließt seinen Gefährten die Ohren mit Wachs. Sich selbst lässt er an den Mast seines Schiffes binden, um ihren verführerischen Gesängen zu lauschen, aber sich ihnen nicht zu ergeben - und ihnen damit nicht folgen zu müssen. Odysseus vertraut seiner Willenskraft gerade nicht. Er kennt die Grenzen des Menschen gegenüber Manipulationen sehr gut. Er weiß, dass niemand in jeder Situation Herr seiner selbst bleibt. Deshalb entscheidet er nicht im Augenblick der Versuchung, sondern vorher. Der wirklich freie Mensch ist derjenige, der sich selbst Regeln geben kann. Freiheit braucht Verantwortung und Regeln. Dann kann so vieles gelingen. Die Regeln dienen dem Selbstschutz und der Entwicklung von Persönlichkeit und Reife. Heute mehr denn je. 

Kalypso - Die gefährlichste Versuchung und die stärkste Abhängigkeit

Die größte Versuchung des Odysseus liegt weder in Gewalt noch in Erotik. Es ist Bequemlichkeit des Alltags. Die Nymphe Kalypso bietet ihm alles, wonach ein Mann gewöhnlich strebt. Erotik, Nähe, Sicherheit, Komfort, völlige Versorgung, Treue, Hingabe und sogar Unsterblichkeit. Dennoch verlässt Odysseus sie nach sieben Jahren. Diese Entscheidung zeigt die Tiefenmotive in seinem Handeln. Kalypso bietet ihm ein angenehmes, sorgenfreies und hocherotisches Leben. Sie nimmt ihm jedes Risiko, damit aber auch jede eigene Entwicklung. Genau betrachtet hält sie ihn in Abhängigkeit, tiefer betrachtet in Gefangenschaft. Ein goldener Käfig für einen Mann, der erleben, handeln und gestalten will.

Viktor Frankl, österreichischer Psychiater und KZ-Gefangener, formulierte im 20. Jahrhundert einen passenden Gedanken, der wie ein Kommentar zu dieser Szene wirkt: Der Mensch strebt letztlich nicht nach Glück. Er strebt nach Sinn. Glück kann aus Sinn immer wieder entstehen. Sinn entsteht jedoch nicht aus Bequemlichkeit. Odysseus entscheidet sich deshalb gegen die Sicherheit und für seinen weiteren Weg. Dieses unbändige Streben nach Zielen, Aufgaben und Inhalten zeigt sich als tiefe Form männlicher Resilienz, wie dies von dem erfahrenen amerikanischen Männer- und Paartherapeuten David Deida in seinem Buch „Der wahre Weg des Mannes“ anschaulich beschrieben wird. Dazu gehört auch, nicht Schmerz unter allen Umständen vermeiden zu wollen, sondern die Bereitschaft, ihn dort anzunehmen, wo er unvermeidlich zum Leben gehört. Alle diese Prüfungen führen letztlich zur selben Frage: Was muss ein Mann bewahren, damit er sich selbst nicht verliert? 

Odysseus 21 und die Suche des modernen Mannes 

An dieser Stelle stellt sich eine entscheidende Frage. Warum berührt uns die Geschichte des Odysseus noch immer? Sogar so sehr, dass ein Hollywood Blockbuster mit dem alten Stoff gedreht wird. Die Antwort ist einfach: Die Odyssee erzählt zwar neben einem historischen Kern viele Sagen und ausführliches Seemannsgarn, die Gesamtheit der Erzählung ist jedoch in ihrer Tiefenstruktur zeitlos. Sie erzählt von einer anthropologischen Konstante. Der Mensch muss seinen Weg finden, um sein Selbst zu finden. Für Männer besitzt diese Aufgabe allerdings eine besondere Prägung. Über Jahrtausende waren sie diejenigen, die aufbrachen, jagten, kämpften, Handel trieben, Familien versorgten oder Kriege führten, während Frauen überwiegend das Haus hüteten und die Kinder erzogen.

Diese Arbeitsteilung war nicht einfach und auch keineswegs gerecht, oft brutal und vielfach mit erheblichen persönlichen Opfern verbunden. Männer waren meist die Opfer, die ihre kulturell vorgegebene Bestimmung mit dem Tod oder schlimmen körperlichen und seelischen Verletzungen bezahlten. Männer mussten sich immer wieder bewähren. Sie entwickelten vielfältige Strategien dafür - vom bloßen Kampf über diplomatisches Geschick bis hin zu Klugheit, Listigkeit und Verschlagenheit. All dies ist Odysseus. 

Kluge Männer wollen keinen Krieg

Oft hatten sie eine natürliche innere Abwehr gegen diese Zumutungen. Es ist klug, den Krieg zu verachten und sich ihm entziehen zu wollen. Homer erzählt, dass Odysseus anfangs nicht in den Krieg ziehen wollte und Verrücktheit vortäuschte. Aber das half nicht, weil diese List durchschaut wurde.

Die moderne Gesellschaft hat zwar viele dieser Rollen grundlegend verändert - und das aus guten Gründen. Bildung, Partnerschaft und Familie sind heute freier gestaltbar als jemals zuvor. Dennoch verschwinden psychologische Grundfragen nicht einfach mit gesellschaftlichen Veränderungen. Und zum Kampf im Krieg und damit auch zum Sterben werden auf der Welt überall fast nur Männer gezwungen.

Gerade heutzutage fragen viele Männer: Wofür lohnt es sich zu leben oder gar zu kämpfen? Wofür trage ich Verantwortung? Wie finde ich einen Sinn in meinem Leben? Genau an dieser Stelle wird die Odyssee überraschend modern. Denn sie beantwortet diese Fragen nicht mit Erfolg, Macht oder Reichtum, sondern mit Geduld, Klarheit, Entschlossenheit, also insgesamt mit Reifung. Die relevanten Tugenden sind heute dieselben wir für 3.000 Jahren: Klugheit, Mut, Gerechtigkeit und Weisheit. Alleine schon das Verschwinden des Tugendbegriffs aus dem modernen Alltag zeigt auf, was das Kernproblem ist: Die Beliebigkeit, Unklarheit und Diffusität in Bezug auf Werte, Moral und Verhalten. 

Tugenden sind zeitlos

Dabei verstand die antike Philosophie unter Tugenden keine moralische Strenge, sondern die Einübung guter Charaktereigenschaften. Aristoteles sprach von areté, der menschlichen Vortrefflichkeit. Tugenden entstanden nach seiner Auffassung weder durch gute Vorsätze noch durch theoretisches Wissen, sondern durch wiederholtes vorbildliches Handeln. Mut entwickelte man, indem man mutig handelte. Besonnenheit entstand durch besonnene Entscheidungen. Charakter war kein Besitz, sondern eine lebenslange Übung. Oft werden diese Tugenden erst im Alter erreicht. Odysseus verkörpert genau dieses Verständnis. Er ist nicht deshalb bemerkenswert, weil er fehlerlos wäre. Er ist bemerkenswert, weil jede seiner Prüfungen seinen Charakter formt. Der junge, listige Kriegsheld ist nicht die charaktertiefe Person, die zehn Jahre nach Kriegsende am Strand von Ithaka anstrandet.

Aus Niederlagen entsteht Besonnenheit, aus Versuchungen Selbstbeherrschung, aus Verlusten Demut, aus Erfahrungen Reife. In diesem Sinn erzählt die Odyssee nicht von Heldentum, sondern von den notwendigen Tugenden zur Charakterbildung. Der kulturelle Niedergang des Westens beruht auf dem Fehlen wirklicher Tugenden - Gratismut, Konformismus und Wokeismus zählen zum Gegenteil - und dem Orientierungsverlust in Bezug auf Werte und Moral. Viele heute beschworene Werte- und Moralbotschaften sind wie die Gesänge der Sirenen: Täuschungen und Verlockungen, die in Chaos und Katastrophen führen. Die Praxis echter Tugenden ist jedoch zeitlos. 

Was mit Resilienz alles möglich ist

In der Odyssee geht es vor allem um Resilienz, der Fähigkeit, selbst größten Stress zu widerstehen. Resilienz bedeutet nicht, unverwundbar zu werden. Resilienz bedeutet, trotz Verwundbarkeit und Niederlagen seinen Weg zu finden, Fehler zu revidieren und den inneren Kompass neu zu justieren. Weil Odysseus im Kern ausdauernd und hartnäckig bleibt, zeigt er die bestmögliche Resilienz. So erklärt sich, wie er immer wieder scheitern kann, ohne seine Würde zu verlieren. Der Altphilologe und Autor Raimund Schulz sieht in Odysseus zu Recht einen Menschen voller Fehler und Schwächen, der aber aus seinen Stärken das Beste herauszuholen vermag, oft verzweifelt ist, sich aber niemals vollkommen aufgibt. Somit wird Resilienz - auch in gottlosen Zeiten, wie sie Odysseus nicht erleben musste - ein Weg gegen Depression und Suizid. Das Gute im Mann ist in der Odyssee nicht die Heldenhaftigkeit, sondern es sind die Resilienzfaktoren Ausdauer, Klugheit, Emotions- und Impulskontrolle und die Fähigkeit, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Resilienz erklärt auch, warum die Heimkehr am Ende mehr ist als nur die Rückkehr nach Ithaka. Sie ist die Rückkehr zu jenem Menschen, der unter allen Versuchungen, Niederlagen und Gefahren nicht aufgehört hat, er selbst werden zu wollen. Dies ist genau die tiefe, oft noch nicht einmal erkannte, Sehnsucht vieler Männer unserer Zeit. Odysseus verändert sich nicht deshalb, weil andere ihn verändern. Er verändert sich, weil jede Prüfung ihn zwingt, sich weiterzuentwickeln. 

Es geht in der Odyssee nicht um Macht oder Dominanz. Auch nicht um die Rückkehr vergangener, dysfunktionaler Rollenbilder, sondern um eine Orientierung, die Freiheit und Verantwortung miteinander versöhnt. Ohne Tugendhaftigkeit ist diese Suche nicht zu bewältigen. Dies gilt in der Antike genauso wie in der Moderne. Die Odyssee liefert dazu die zeitlos passenden Antworten. Der suchende Mann ist stark und empfindsam, klar und empathisch, klug und reflektiert. Der Mann, der sich selbst gefunden hat, zeigt neben Einfühlsamkeit auch Klarheit, Konsequenz und Selbstbewusstsein – in Anbetracht aller Widrigkeiten und Anfeindungen. 

Odysseus und die Frauen

Die Frauen spielen in der Odyssee eine herausragende Rolle. Das Werk ist in keinster Weise misogyn. Raimund Schulz sieht in Odysseus den ersten großen Frauenversteher der Literaturgeschichte. Auffällig ist auf jeden Fall, dass im zweiten Teil der Odyssee zahlreiche Begegnungen mit Frauen den Weg des Odysseus prägen, dass er auch die meiste Zeit der zehn Jahre bis zu Heimkehr mit und bei Frauen verbringt. Er ist sich seiner Männlichkeit bewusst. Er muss eine ganz besondere Libido und Potenz besessen haben, was ihn auch zum Liebling der Frauen machte. Aber Frauen lehren und perfektionieren ihn auch, was wesentlich und wichtig ist. Dazu gehören Circe, Kalypso, Nausikaa, natürlich ganz besonders Penelope. Herausragend ist die spirituelle Bedeutung der göttlichen Athene, die ihm in einzigartiger Weise treu bleibt und immer wieder unterstützt. Sie sieht ihre Klugheit und Weisheit in ihm gespiegelt und liebt ihn deshalb, wie Göttinnen in der Antike einen Menschen lieben durften. Ihre weiblichen Anima-Anteile machen Odysseus mental reich und vielgestaltig. Ohne diese Anteile wäre er nur ein Haudegen und Draufgänger, wie es Achilles war. So aber ist er der kluge, listige Held und reift zum Mann mit Tiefe, Selbstkontrolle, Klarheit und Konsequenz. Das Gute im Mann ist ohne die Frauen in der Odyssee undenkbar.

Und er ist ein Mann im „besten Alter“. Für Penelope der beste denkbare Partner. Das Geheimnis der beiden heißt Gleichgesinntheit. Nur wer über Jahre und Jahrzehnte gleiche Ziele und Werte verfolgt, sogar während der langen Abwesenheit eines Partners, erlangt nicht nur als Einzelner, sondern auch im Oikos, dem damaligen Familienmodell, seine tiefere Bestimmung. So war und bleibt neben dem wahren Weg des Mannes im Sinne David Deidas auch die Familie für Menschen einzigartig wichtig. 


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Archetypen, Christopher Nolan, Homer, Identität, Odyssee, Odysseus, Resilienz, Sinn, Sinnsuche, Tugend


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