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Januar 29

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Corona-Krise und Männer – Leiden Männer inzwischen mehr als Frauen?

Ob die Corona-Krise Männer auch psychisch in besonderer Weise schädigt, war lange Zeit unklar. Dass Frauen und besonders Kinder durch die Lockdown-Maßnahmen der Corona-Krise leiden, gilt als sicher. Jetzt gibt es erste Hinweise, dass Männer nicht nur deutlich häufiger an der Infektion versterben (was schon länger bekannt ist), sondern dass sie auch unter den gesellschaftlichen Lock-Down-Maßnahmen auf die längere Sicht auch psychisch stärker leiden als Frauen.

Trotzdem wird ein Großteil der Presse nicht müde, Frauen als die besonderen Verlierer bzw. Opfer der Corona-Krise darzustellen, so zuletzt noch im November 2020 von dem angesehenen Redaktionsnetzwerk Deutschland. Auch von eher agitatorisch als seriös auftretenden Wissenschaftlerinnen wird die besonders leidvolle Rolle der Frauen in Zusammenhang mit Corona immer wieder betont: sie würden in die 50-er Jahre zurückgeworfen, seien in der Erziehungs- und Pflegearbeit die Leidtragenden usw.

Es sollte natürlich kein Wettbewerb zwischen den Geschlechtern darum entstehen, wer stärker zum Opfer und Leidtragenden wird. Dennoch müssen der andauernden Öffentlichkeitsarbeit interessierter Gruppierungen, dass Frauen die besonderen Opfer der Pandemie sind, evidenzbasierte Daten gegenübergestellt werden, die belastbare Aussagen erlauben.

Heiße Luft statt empirischer Evidenz hilft keinem

Äußerungen und Verlautbarungen wie auch die vom RND entpuppen sich bei näherer Prüfung als heißgemachte Luft. Meist haben die Aussagen einen empirisch äußerst dünnen oder gar keinen Boden, weil sich immer wieder zeigt, dass beide Geschlechter in der Krise proportional mehr von dem machen, was sie in Normalzeiten an Engagement in Familie, Kindererziehung und Elternbetreuung auch leisten.

Es verschiebt sich also nichts Grundsätzliches zwischen den Geschlechtern, sondern es wird in der Krise alles stärker und sichtbarer, was sonst auch vorhanden ist, aber eben nicht so ausgeprägt und sichtbar. Und obendrein ist das Arrangement des partnerschaftlichen Lebens in der Krise eher ein psychisch-interaktives Geschehen und Problemlösen in jeder einzelnen Partnerbeziehung und Familie als ein durch gesellschaftliche Regeln und Rituale vorgegebenes und vorhersagbares Muster.

Dänische Forschungsstudie zeigt Erhellendes, aber Düsteres: Corona-Krise und Männer

Einer neuen dänischen Forschungsstudie zufolge sind Männer hinsichtlich ihres psychologischen Wohlbefindens von der zweiten Corona-Welle besonders stark getroffen. Die Ergebnisse entstammen einer Untersuchung des Teams von Professor Søren Dinesen Østergaard von der Abteilung für klinische Medizin, Schwerpunkt affektive Störungen, am Aarhus University Hospital in Dänemark. Die Langzeitstudie zeigt, dass Männer nach 9 Monaten Corona-Krise stärker als Frauen mit depressiven Verstimmungssymptomen und Schuldgefühlen zu kämpfen haben. Die Studie bringt erstmals Erhellendes zu den psychischen Langzeitreaktionen von Männern und Frauen auf die Corona-Krise.

In einem Kurzbericht des zuständigen Forscherteams an der Universität Aarhus in Dänemark, der jetzt erstmalig in Deutschland vom Männerblog Genderama vorgestellt wurde, heißt es dazu: 

Alle leiden unter der Corona-Krise, aber wenige fragen nach den Männern

Als Dänemark während der ersten Welle der Coronavirus-Pandemie im Frühjahr 2020 in den Lockdown ging, sank das psychische Wohlbefinden von Männern und Frauen gleichermaßen - wobei Frauen etwas stärker betroffen waren. Aber während der zweiten Welle ist es in Bezug auf die Geschlechter genau umgekehrt: Das psychische Wohlbefinden von Männern und Frauen ist generell niedrig, aber bei Männern ist es am stärksten gesunken.

Befragt wurden insgesamt 1.554 Erwachsene (Durchschnittsalter 49 Jahre) zu drei Messzeitpunkten im Jahr 2020. Die letzte Datenerhebung erfolgte Anfang Dezember 2020. Im Einzelnen heißt es dort: "Wir sehen, dass das psychische Wohlbefinden der Männer bei der November-Dezember-Messung niedriger ist als während der Frühjahrssperre, während der Trend bei den Frauen in die entgegengesetzte Richtung geht", sagte Prof. Østergaard. 

Viele Ursachen für depressive Verstimmungen im Winter – Corona gehört sicher dazu

Weiter wird gesagt: „Natürlich können wir nicht mit Sicherheit wissen, dass der Verlauf der Corona-Pandemie die Ursache für die Schwankungen ist, die wir im psychischen Wohlbefinden sehen. Aber die Ergebnisse passen zu dieser Erklärung. Der Wintereinbruch kann aber auch eine Rolle spielen". Im Forschungsbericht heißt es weiter, dass es erwiesen ist, dass die Zahl der Dänen, bei denen eine Depression diagnostiziert wird, nach dem Übergang zur Winterzeit sowieso deutlich ansteigt. Da es vor allem Frauen sind, die saisonale Stimmungsschwankungen erleben, passe diese Erklärung nicht zu der Tatsache, dass der Rückgang des psychischen Wohlbefindens während der zweiten Welle der Corona-Pandemie bei Männern am größten ist. Ganz offensichtlich liegt hier eine geschlechtsspezifische Reaktion bei Männern auf die langen Monate der Krise vor. 

Ursachen für die Geschlechtsunterschiede zu Ungunsten der Männer noch nicht klar

Weiter heißt es in dem Bericht: „Der Geschlechterunterschied in unseren Ergebnissen ist interessant, aber wir können die zugrundeliegenden Mechanismen auf der Basis der vorliegenden Daten nicht bestimmen. Vielleicht hat es mit Unsicherheiten in Bezug auf die Beschäftigung zu tun. Der Arbeitsmarkt wurde von der Pandemie negativ beeinflusst, vor allem der private Sektor, in dem mehr Männer als Frauen beschäftigt sind. Vielleicht liegt es also daran, dass Männer sich mehr Sorgen um ihre Beschäftigungsaussichten und die wirtschaftliche Situation ihrer Familie machen als Frauen. Das ist etwas, das wir versuchen werden, in der nächsten Phase unserer Untersuchung herauszufinden.“ Ganz offensichtlich ist jedoch, dass die Männer in der Untersuchung unter multiplen Stressoren leiden. Diese kommen nicht nur aus der Arbeitswelt, sondern beziehen sich auch auf Familie, Partnerschaft und das Leben unter dem Lock-Down insgesamt.

Dauerbelastung nagt an Selbstwertgefühl und Resilienz

Der besonders interessante Aspekt der Untersuchung ist die Tatsache, dass die wiederholt befragten dänischen Männer erst nach mehreren Monaten Pandemieerfahrung depressivere Befindlichkeiten zeigten. Es ist obendrein möglich, dass die Männer unter ihrem Verantwortungsgefühl einerseits und dem zunehmenden Ohnmachtsgefühl, der Krise hilflos ausgesetzt zu sein, leiden.

Möglicherweise – auch dafür gibt es Indikatoren – verfügen sie insgesamt über weniger dichte und förderliche soziale Netzwerke als die Frauen. Daher ist eine erste Schlussfolgerung zu ziehen, dass Männer in der Corona- Dauerkrise auch in Deutschland spezifische Präventions- und Unterstützungsangebote benötigen. Lesen Sie hierzu ab Anfang Februar 2021 auf MMH die aktuellen Tipps zum Umgang mit dem Dauer-Lock-Down für Männer in der Corona-Krise. Die sind vor allem – aber nicht nur – für Männer. 

 


Tags

Corona-Krise, COVID-19, Dauerbelastung, Depressive Verstimmung, Geschlechterunterschiede, Lockdown, Resilienz


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