UA-176845053-2 Dependente Männer - den Frauen alles recht machen wollen

Januar 2

0 comments

Übermäßig dependente Männer – den Frauen alles recht machen wollen (Männerrat #42)

Immer mehr Männer in meiner psychotherapeutischen Praxis klagen, dass sie sich nicht wertgeschätzt und respektiert fühlen in ihren Beziehungen. Sie können nicht verstehen, dass sie, obwohl sie ihrer Partnerin „alles recht machen“ und sie nach Kräften verwöhnen, von ihr nicht dasselbe zurückbekommen. Diese Wahrnehmung haben aber nicht nur Männer in der Psychotherapie, sondern auch in der gesamten Gesellschaft. Sie ist Folge eines neuen Sozialisationsmodells von Jungen und Männern, der seit einigen Jahren als „People Pleaser“ (siehe Bin ich ein „People Pleaser“? – Symptome und Lösungen (Männerrat #19)) beschrieben wird und sich hier auf die Partnerschaft bezieht. Immer mehr Männer entwickeln dependente Beziehungsmuster: Sie machen sich abhängig vom Wohlwollen ihrer Frauen, sind emotional durch sie vollkommen steuerbar, können nicht autonom handeln und haben große Ängste vor Alleinsein und Verlassenwerden. 

Übermäßige Dependenz sollte nicht verwechselt werden, den Wunsch nach einer engen Beziehung zu haben und eine fürsorgliche Beziehungsorientierung zu zeigen. Diese sollte jedoch nicht mit Selbstverlust und Selbstaufgabe einhergehen. 

Im Folgenden geht es darum, die Dynamik, die hinter dysfunktionalen, übermäßig dependenten Abläufen steckt und zu nicht zufriedenstellenden Beziehungen führt, zu verdeutlichen und Hilfen zur Überwindung aufzuzeigen. Natürlich ist das Phänomen von interaktiver Natur: Übermäßig dependente Männer, also solche, die sich abhängig machen und übermäßig unterordnen, laden zur Respektlosigkeit ein, immer selbstbewusstere Frauen haben ihre Grenzen erweitert und betrachten Alltagsdominanz als ihr natürliches Recht. 

Bei der Partnerwahl fängt alles an

Beginnen wir bei der Partnerwahl. Wie zwei Menschen in einer Paarbeziehung zusammenkommen, ist alles andere als zufällig. Die Partnerwahlprinzipien sind gut erforscht. Es zeigt sich immer wieder, dass die Frau unter den werbenden Männern eine für sie möglichst günstige Auswahl trifft. Dieses in der Evolutionspsychologie als „female choice“ bekannte Prinzip sorgt für optimale Fortpflanzungsvoraussetzungen. Es ist ein zielorientiertes Prinzip der genetischen Optimierung. Frauen erfüllen seit Jahrmillionen ihren unbewussten Auftrag, den besten Partner für den Nachwuchs auszuwählen. Dies erklärt auch, warum bei Dating-Portalen Frauen nur 10-15% der Männer als auswahlwürdig einstufen.

Meist fokussieren sie sich in jüngeren Jahren auf Alpha-Männer (groß, stark, muskulös, selbstbewusst, aber nicht sehr an Familienleben und romantischer Liebe interessiert), weil diese das scheinbar beste genetische Potential für Gesundheit und Überleben mitbringen. Diese Alpha-Männer signalisieren, dass sie die besten Voraussetzungen für gesunden, starken Nachwuchs mitbringen. Dass sie im Bereich Treue, Kontinuität und Familienorientierung oft große Defizite aufweisen, wird gerne übersehen oder verleugnet.

In späteren Jahren, nach Enttäuschungen und Trennungserfahrungen mit Alpha-Männern, wählen viele Frauen einen Beta-Mann: Der ist anpassungsfähig, versorgungsorientiert, mag Kinder und Familienleben und verhält sich meist auch dependent und devot. Beta-Männer haben in ihrer Kindheit und Jugend schon intensiv gelernt, sich den Forderungen ihrer Mütter oder Lehrerinnen unterzuordnen und nicht eigene Ideen zu verfolgen. Die persönlichen Bedürfnisse der Jungen bleiben dabei auf der Strecke oder werden verzerrt und entwertet. Diese Jungen werden als Männer schwach in den Bereichen Autonomie und Selbstfürsorge.

Partnerwahlverhalten dependenter Männer

Dependente Männer, also solche, die es gewohnt sind, sich übermäßig anzupassen und unterzuordnen, orientieren sich meist in Richtung von Frauen, die primär ihre eigenen Bedürfnisse verfolgen und überwiegend egoistisch und kompromisslos in Konflikten vorgehen. Diese Konstellation passt so gar nicht in das in der Öffentlichkeit vorgestellte Modell aus starken, emotionsarmen Männern und schwachen, manipulierten Frauen. In Wirklichkeit entsprechen viele  Beziehungen heutzutage dem Muster dominante Frau und dependenter Mann (vgl. Dominante Partnerin: Meine Partnerin will alles bestimmen! (Männerrat #2)).

Der Mann findet dabei seine Aufgabe in der Fürsorge – emotional und finanziell – für die „starke“ Frau. Diese akzeptiert ihn aber nur so lange, wie er seinen Auftrag erfüllt. Wenn sie ihn kritisiert, reagiert er mit noch mehr Anpassung und Unterordnung. Wenn er sie kritisiert, reagiert sie mit Ärger und Unverständnis. Sie kann ihn durch seine tief sitzende Ängstlichkeit (Die Angst der Männer vor Frauen) in nahezu allen Bereichen perfekt steuern. Er will ihr alles Recht machen, aber dies gelingt im Alltag immer seltener, da sie ihre Ansprüche und Erwartungen immer mehr nach oben schraubt, so dass die Erfüllung für ihn unerreichbar wird. 

Solche Partnerbeziehungen haben kein Gleichgewicht auf Augenhöhe, sondern sind in einer Dysbalance von oben und unten. Die bei der Partnerwahl maßgeblichen Motive und Wünsche werden auf die Dauer enttäuscht. Vor allem wenn der Mann sich bei der Partnerwahl durch Aussehen und Auftreten hat beeindrucken lassen, kann dies durch Dysbalance bei Wesensart und Persönlichkeit der Partnerin zu starken Enttäuschungen im Alltag führen. Die Hoffnung auf Anerkennung und Akzeptanz aufgrund der Leistungen und des besonderen Engagements erfüllt sich für den Mann nicht, weil die Partnerin dies nicht realisiert oder es für sie schlichtweg unwichtig ist. Die langfristige Prognose für solche Paarbeziehungen ist negativ, insbesondere wenn destruktive, entwertende Konflikte zunehmen. 

Reflektionen, Weiterentwicklungen und Lösungen

Natürlich können sich Paare in konstruktive Richtungen weiterentwickeln und verändern. In der Realität ist dies meistens schwierig. Es bedarf einer Motivation zur Änderung bei beiden, viel gegenseitigen Respekt und Akzeptanz für die Besonderheiten eines jeden. Genau diese Voraussetzungen sind bei nicht balancierten Beziehungen nicht gegeben. In Krisen bestehen am ehesten Chancen auf Veränderungen, wenigstens einer Person. Eine Änderung kann vor allem von dem Partner mit hoher Unzufriedenheit ausgehen. Wenn dies der Mann ist, der sich im Alltag nicht respektiert und wertgeschätzt fühlt, sollte er seine unbewussten Interaktionsverhaltensweisen mit seiner Partnerin und anderen Frauen in seiner Biographie reflektieren. Ebenso ist es wichtig, dass jeder Partner seine Parnerwahlmotive und Bedürfnislagen genauer analysiert. All dies kann in einer Psychotherapie oder Männerselbsterfahrungsgruppe geschehen.

Wenn der Mann mit dependenten oder oft auch depressiven Zügen am Anfang dachte, dass ihm eine starke Partnerin gut tut, muss er später oft erkennen, dass ihn die Dominanz seiner Partnerin im Alltag immer weiter runterzieht (vgl. Dominante Partnerin: Meine Partnerin will alles bestimmen! (Männerrat #2)). In vielen Fällen steht beim Mann eine Angst vor der Stärke der Frau im Hintergrund (siehe Die Angst der Männer vor Frauen), die ihn zur Unterordnung und zum Gehorsam führt, ohne dass er dies – oberflächlich betrachtet – möchte. Oft wiederholen sich solche Überanpassungs- und Unterordnungsreaktionen in Konfliktsituationen. Die besondere Gefahr besteht darin, dass der dependente Mann sich über Jahre oder Jahrzehnte nicht aus diesen dysfunktionalen Kreisläufen befreit. Chronische Unzufriedenheit, Stresserleben und Selbstwertprobleme sind die Folgen. Die psychische und körperliche Gesundheit leiden immer mehr. 

Formen der übermäßigen Dependenz

Die beschriebene übermäßige Dependenz, in der sich der Mann selbst aufgibt und verliert, seine Bedürfnisse nicht mehr erkennt und – bewusst oder unbewusst – leidet, kann in verschiedenen Beziehungsformen auftreten. In dem vorliegenden Beitrag wird auf Partnerbeziehungen fokussiert. Es ist jedoch wichtig, auch Mutter-Sohn-Beziehungen zu betrachten. Diese sind häufig ohnehin der Hintergrund einer übermäßig dependenten Partnerbeziehung. Aber sie können auch im Erwachsenenalter anhalten und zu einer Nicht-Ablösung von der Mutter führen. Hintergrund ist eine jahre- oder jahrzehntelange Symbiose aus Mutter und Sohn, in der vordergründig die Bedürfnisse des Sohnes umfassend erfüllt werden, indirekt jedoch die Macht- und Abhängigkeitsbedürfnisse der Mutter die Interaktion und die Beziehungsrealität beherrschen. Der junge Mann hat dann so starke Ängste vor Ablehnung und Vereinsamung, wenn er sich von der Mutter distanzieren will, dass er es gar nicht erst wagt. Im Hintergrund entwickeln sich aus Unzufriedenheit und Frustration oft psychische Probleme, vor allem Depression und Alkoholabhängigkeit. 

Dysfunktionale Kognitionen halten die Abhängigkeit aufrecht

Im Hintergrund stehen bei den Männern oft dysfunktionale Kognitionen. Darunter werden Gedanken verstanden, die zur Akzeptanz der Unterordnung führen. Damit will der Mann seine Situation subjektiv erträglich gestalten. Er denkt sie sich akzeptabel und positiv. Es dreht sich um das Prinzip der kognitiven Dissonanzreduktion: „Ich bin ein Waschlappen, kein richtiger Mann. Nein! Ich will es meiner Frau das Leben so gut wie machen“. Typische dysfunktionale Kognitionen sind: „Sie meint es nicht so“, „Im Grunde ist sie eine gute Frau“, „Ich liebe sie noch immer“, „Wenn ich ihr alles recht mache und ihr die Wünsche von den Augen ablese, wird alles gut“. Das Wirkprinzip dieser Gedanken ist die Reduktion der inneren Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Auf diese Weise können Unzufriedenheit mit der Beziehung und der eigenen Rolle immer wieder verkleinert und die Hoffnung auf bessere Zeiten erhöht werden. Das dependente Muster hält Menschen häufig in Situationen fest, die sie belasten. Aus Angst vor Selbstständigkeit und Autonomie verlassen sie diese nicht. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit für chronische gesundheitliche, insbesondere psychische, Beschwerden.

Selbstbefreiung – wie geht das?

Wenn sich ein Mann in einer dependenten dysfunktionalen Beziehung befindet, unter der er fortgesetzt leidet, kann er das Problem nur durch seine eigene Veränderung lösen. Die Hoffnung, dass die Partnerin oder die Beziehung als solche sich ändert, ist eine Illusion. Die Partnerin hält den status quo aufrecht, weil sie davon einen großen Vorteil hat. Der subjektiv schwierige und oft auch unbequeme Weg für den Mann geht über die eigene Befreiung aus der selbst gewählten Unmündigkeit. In solchen Beziehungen sollte Liebe nicht mit Dependenz verwechselt werden. Liebe funktioniert unter Erwachsenen nur auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Die Selbstbefreiung geschieht am besten mit Selbstreflektion einerseits und Hilfe und Unterstützung durch Männer-Psychotherapie (siehe Mehr Männer in die Psychotherapie! Informationen, Chancen, Wege) und andere Männer (wahre Freunde oder Männergruppen) andererseits. 

Fünf Tipps zur Verhaltensänderung

1. Kümmere Dich besonders um Deine Männerfreunde, denen Du vertraust! Verbringe Zeit mit ihnen bei gemeinsamen Aktivitäten und Freizeitbeschäftigungen! Sprich mit ihnen über das, was Dich belastet und runterzieht! Männernetzwerke geben Dir Chancen auf Autonomie und persönliche Stärke. 

2. Stärke Deine Autonomie auf allen möglichen Wegen! Reflektiere, was Du bisher schon konstruktiv in Partnerschaft und Familie eingebracht hast! Lerne, Deine Position in Konfliktgesprächen ruhig und gelassen zu vertreten! 

3. Führe ein ganz persönliches Tagebuch, in dem Du Deine Gefühle und Gedanken, aber auch Ereignisse in der Partnerschaft, die Dich belasten, festhältst! Kläre auf diese Weise Deine aktuelle Situation, Deine Ziele und Bedürfnisse! So vergisst Du nichts, was Dich belastet oder gar gedemütigt hat. Du hörst auf, das Unerträgliche zu verdrängen und stellst Dich den Dingen. 

4. Führe mit Deiner Partnerin nach Möglichkeit Gespräche, in denen Du Deine und Eure Situation reflektierst! Achte darauf, dass Du ausreichend zu Wort kommst (siehe Ich komme nie zu Wort: Schweigende Männer & dominante Frauen). Verbaler Rückzug und innere Emigration sind keine Lösungen. 

5. Mache Dir immer wieder klar, was Du vom Leben erwartest, und was Du selbst dazu beisteuern kannst. Beantworte für Dich schriftlich immer wieder die Frage, wie Du leben willst, um Zufriedenheit und Wohlbefinden zu erreichen. 


Tags

Beziehung, dominante Frau, dominante Partnerin, Dominanz, Jungen, Partnerschaft, Partnerwahl, People Pleaser, Psychische Gesundheit


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren >>>

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner