UA-176845053-2 Die Angst der Männer vor Frauen - Mens Mental Health

April 8

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Die Angst der Männer vor Frauen

Viele Männer in der heutigen Gesellschaft weisen eine offene oder implizite Angst vor Frauen auf. Oft bezieht sich diese auf selbstbewusste oder dominant auftretende Frauen, bisweilen aber auch auf Frauen als Ganzes. Schon in den antiken Mythen tauchen starke Frauen auf, die Männer abhängig machen oder sogar töten. Dazu gehören Medusa, Circe oder die sagenumwobenen Amazonen. In den Sagen der Völker taucht das Motiv der gefährlichen Frau, die Männer vernichtet, immer wieder auf. Wie steht es um die Angst der Männer vor Frauen in der heutigen Gesellschaft?

Männer zeigen in Beziehungen mit Frauen oft eine erstaunliche Hemmung, ihre Bedürfnisse und Gedanken gegenüber der Partnerin zu äußern, insbesondere wenn diese stark und selbstsicher auftritt. Im Verhältnis zwischen den Geschlechtern spielt der Aspekt, dass Männer offen oder noch häufiger latent Angst vor Frauen haben eine wenig beachtete Rolle. Häufiger kommt es nach allgemeiner Meinung vor, dass Frauen Angst vor Männern haben. Was Angst vor physischer Gewalt betrifft, ist dies leider auch berechtigt. Auch wenn inzwischen bekannt ist, dass bis zu einem Viertel aller häuslichen Gewaltfälle Männer betroffen sind, erleiden deutlich mehr Frauen häusliche Gewalt von ihren männlichen Partnern. 

Emotionale Erpressung als psychische Gewalt

Aber ganz anders sieht es bei Angst vor emotionaler und psychischer Gewalt aus. Diese bezieht sich auf psychische Dominanz- und Manipulation, die bei Frauen mindestens so stark ausgeprägt sind wie bei Männern. Diese Formen psychischer Gewalt können bis zur sogenannten emotionalen Erpressung reichen, wie die amerikanische Autorin Susan Forward dies schon vor Jahren in ihren Büchern („Emotionale Erpressung“, „Vergiftete Kindheit“) beschrieben hat. Auch wenn die Autorin sich auf die Situation von Kindern bezieht, ist der Ansatz, dass durch emotionale Erpressung („Ich liebe Dich nur, wenn Du alles tust, was ich will!“) Jungen von ihren Müttern und später Männer in Beziehungen abhängig und willfährig gemacht werden, durchaus zur Analyse der Lebenssituation vieler Männer nachvollziehbar. 

Die Emotion Angst bei Männern und Frauen

Über die Angst und Abhängigkeit von Männern gegenüber Frauen wird bislang wenig geforscht, geschweige denn in den Medien publiziert. Das Thema ist gerade heutzutage, da Männer in weiten Teilen der medialen Berichterstattung einseitig als toxisch und gewalttätig deklariert werden, in besonderem Maße tabuisiert. Üblicherweise berichten Frauen mehr Probleme mit Angst als Männer.

Dies legt dann den Schluss nahe, dass Frauen mehr in Angstsituationen geraten werden als Männer. Und dann liegt der Schluss nahe, dass Männer in Frauen Angst erzeugen, aber nicht umgekehrt. Der Befund, dass Frauen mehr Angst berichten, könnte jedoch auch mit einer stärkeren Angstunterdrückung seitens der Männer zusammenhängen. Die klassische Männerrolle, die auch heute latent noch große Bedeutung für Männer hat, verführt dazu, Ängste zu unterdrücken und nach außen ein starkes Bild abzuliefern, das der inneren Befindlichkeit nicht entspricht.

Grundsätzlich ist die Entstehung der Emotion Angst bei Männern und Frauen gleichartig. Es sind dann die soziokulturellen Aspekte, also Angstunterdrückung und Angstsensibilität, welche die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausmachen. 

Meist liegt in epidemiologischen Studien die Zahl der Frauen, die über chronische, behandlungsbedürftige Ängste verfügen, deutlich über der der Männer. Im letzten Jahr berichteten ca. 20% der erwachsenen Frauen über eine behandlungsbedürftige Angststörung im Vergleich zu 10% der Männer. Die Zahl der Männer, die an Ängsten leiden, wird gemeinhin unterschätzt, da viele dies nicht offenbaren, geschweige denn reflektieren. Dabei gibt es viele Gründe, Ängste zu entwickeln. Angst ist ein wichtiger Warnmechanismus unseres Organismus vor Gefahren und Risiken. In Angstsituationen werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet und der Organismus bereitet sich auf Flucht oder Angriff vor. Was aber ist in sozialen Beziehungen, wenn der Organismus dauerhaft Stress aushält, weder in den Angriffs- noch in den Fluchtmodus geht und innerlich dauerhaft in einer Art Totstellreflex verweilt?

Angst in Partnerbeziehungen 

Funktionierende Partnerbeziehungen befinden sich in einer Interdependenz. Der Eine ist vom Anderen abhängig und umgekehrt. Die gegenseitige Abhängigkeit umfasst auch Hingabe, Engagement und Intimität. Erst wenn die Balance in Partnerbeziehungen nicht vorhanden ist, wird es kritisch. Der eine Partner kann dauerhaft mehr Stress auf den anderen ausüben als umgekehrt. Dies kann in der Folge chronische Angst- und Unsicherheitsgefühle in dem gestressten Partner auslösen. 

Wenn beide Partner in ähnlichem Maße Stress ausüben, kommt es zu offen Konflikten, häufigen Streitereien, was die Partnerschaft auf Dauer destabilisiert und oft zur Trennung führt. Übt einer der Partner deutlich mehr Stress aus, neigt der andere, wenn er sich in emotionaler oder sozialer Abhängigkeit befindet, zur Unterordnung und Anpassung. Der stressausübende Partner hält dann eine dauerhaft mächtige Position inne, die er durch die Erfahrungen mit der Unterordnung des anderen immer mehr ausbaut. 

Der sich unterordnende Partner wird sein Verhalten mit seinem Liebesgefühl, der Hingabe oder der Hoffnung rechtfertigen, dass alles besser wird, wenn er nur alles richtig macht und nicht den Unwillen des Partners erzeugt. Es entstehen auch schnell Ängste, den geliebten Partner zu verlieren, wenn man nicht alles recht macht. Eine Angst-Gehorsamkeitsspirale entwickelt sich, durch die der psychisch unterlegene Partner erlebt, dass er nur durch Unterordnung und Gehorsam akzeptiert und vermeintlich geliebt wird. Dass er dem anderen Partner psychisch unterlegen ist, spürt er, wird es aber versuchen, als Gefühl zu verdrängen.

Die Angst-Gehorsamkeitsspirale entfaltet sich

Ist der stärkere Partner überwiegend am Nörgeln und Schimpfen und der Andere defensiv und duldsam, ist die Balance verloren. Es etabliert sich ein Interaktionsmuster mit emotionaler Erpressung. Wenn der eine nur genügend Druck mit negativen Emotionen macht, wird der andere, sich als gutmütig empfindende Teil sich anpassen und unterordnen, um die negativen Emotionen des Partners zu beenden. Die anfangs sich nur andeutende Angst-Gehorsamkeitsspirale entfaltet und vertieft sich.

Die Dysbalance in der Partnerbeziehung kann sich als Interaktionsmuster dauerhaft verfestigen. Warum geschieht dies? Der eine Partner hat Ängste, sich zu wehren, sich durchzusetzen, weil er fürchtet, zurückgewiesen, nicht mehr geliebt und im schlimmsten Fall verlassen zu werden. Die Angst vor dem Verlassenwerden ist eine den Männern oft aus Kindheitstagen bekannte Angst, wenn ihre Mutter sie damit bedroht hat. Die früh erlernte Angst mit dem Muster der automatisierten Unterordnung kann auch ihr Verhalten in Partnerbeziehungen beeinflussen, im Extrem sogar bestimmen. 

Die relevanten Abläufe in Paarbeziehungen finden ohne Bewusstheit und Reflektion statt. Wenn sich ein männlicher Partner also mehr und mehr dependent verhält, weil er Angst vor Verlust der Partnerin hat, wird er sich auch gegen seine innere Gefühlslage unterordnen. Er wird sich mehr und mehr gefallen lassen, auch Demütigungen ertragen in der letztlich irrealen Hoffnung, dass er durch diese Anpassungen seine Partnerin nicht verlieren wird. So kann sie ihn über Jahre am Nasenring durch die Ehemanege ziehe. Den dafür nötigen Gehorsam hat er oft schon in der Kindheit gegenüber der Mutter gelernt und praktiziert.

Fallbeispiel: Patrick S. (40 Jahre)

Hier ein anonymisiertes und inhaltlich verändertes Fallbeispiel, um die beschriebenen Abläufe bezüglich psychisch verursachter Angst in Partnerbeziehungen zu verdeutlichen.


Kindheit und Jugend:

Patrick S. (40) ist das jüngste Kind der Eheleute Maria und Udo S. Er hat noch eine ältere Schwester (42). Sein Vater war emotional oft nicht erreichbar, sehr mit seiner Arbeit und Karriere identifiziert. Die Mutter war während der ersten 8 Lebensjahre von Patrick nicht berufstätig und in dieser Zeit sehr unzufrieden mit ihrem Leben. Sie hatte das zweite Kind, das nicht geplant war, nicht gewollt, sich jedoch vom Ehemann überreden lassen, das Kind zu bekommen. Innerlich hatte sie das Gefühl, dass dieses zweite Kind ihr Leben und ihre Zukunftspläne zerstört hat. Sie wandte sich Patrick nur zu, wenn dieser brav und gehorsam war. Wenn er ungehorsam oder wütend war, ließ sie ihn automatisch alleine, bis er „wieder gekrochen kam“ und sich anpasste. In späteren Jahren verlangte sie auch oft, dass er sich für sein angebliches Fehlverhalten schämte und entschuldigte. Der Vater hielt sich aus allem draußen und unterstützte den Sohn nicht. Auch in der Schule lernte Patrick, sich den Anforderungen anzupassen und galt als stiller, scheuer und ängstlicher Junge. Bei den Mädchen hatte er zunächst wenig Erfolge. Ihm war jedoch nicht klar, woran das lag. Erst unter Alkoholeinfluss konnte er seine soziale Ängstlichkeit unterdrücken und traute sich, als Jugendlicher Mädchen anzusprechen. Er fühlte sich jedoch anderen Jungen unterlegen und bewunderte, dass diese so viele Mädchen für sich gewannen.

 
Partnerschaft:

Patrick war dann sehr froh, als sich Lucie (heute 38) in ihn verliebte und seine vorsichtigen Avancen beantwortete. Er empfand ihr Verhalten als selbstsicher und stark. Auch in der Sexualität fühlte er schnell, dass sie den Ton angab und ihre Wünsche durchsetzte. Die beiden heirateten, als sie sich drei Jahre kannten. Zu diesem Zeitpunkt hatte Patrick (damals 27 Jahre) sein Informatikstudium fast abgeschlossen. Er verdiente schon im ersten Job sehr viel Geld. Die Eheleute kauften bald ein Einfamilienhaus in einer urbanen Vorstadt. Lucie stellte Patrick immer wieder zur Rede, wenn er abends spät nach Hause kam, obwohl er nur Überstunden geleistet hatte und forderte von ihm mehr Engagement im Haushalt. Sie war zu diesem Zeitpunkt halbtags als Bankkauffrau tätig. Die beiden bekamen bald dann zwei Kinder (Mädchen). Immer häufiger kam es zu Konflikten, bei denen Lucie ihren Mann beschimpfte, er sei ein beruflicher Versager, weil seine Karriere nicht schnell genug voranschreite. Auch bei gesellschaftlichen Anlässen demütigte sie ihn immer wieder vor Freunden und Bekannten und gab negative private Details preis. Wenn er sich anschließend über ihr Verhalten beschwerte, drehte sie schnell den Spieß um und behauptete, er hätte sie in Gesellschaft schlecht behandelt und ihr Verhalten sei vollkommen gerechtfertigt gewesen. Auch drohte sie immer öfter mit Trennung, was ihm viel Angst machte. Er zweifelte immer mehr daran, ob sie ihn noch liebte. Jedoch hatte er selbst Angst vor der Vorstellung alleine zu leben und beruhigte sich mit der Idee, dass das gemeinsame Haus und die beiden Kinder genügend Sicherheit darstellen würden, um ein Zerfall der Ehe zu vermeiden. Patrick bemühte sich im Alltag immer mehr, seiner Frau alles recht zu machen in der Hoffnung, dass sie dann lieb zu ihm sei. Zu diesem Zeitpunkt durchschaute er die Interaktionsmuster in seiner Beziehung noch nicht und fühlte sich jedes Mal, wenn Lucie ihn zu Unrecht kritisierte, tief gekränkt. Er hielt viele Jahre an der Beziehung mit Lucie fest, obwohl er sehr darunter litt und sich meistens einsam und unverstanden fühlte. Es gab auch immer weniger Sexualität zwischen den Eheleuten. Ohne dass Patrick es gemerkt hatte, wurde seine Beziehung immer toxischer. Er spürte schließlich seine psychische prekäre Lage erst durch die Zunahme körperlicher Symptome wie Herzrhythmusstörungen, Allergien, Hypertonie. Nach 12 Jahren Ehe offenbarte Lucie ihm, dass sie sich in einen anderen Mann, den sie auf ihrer Arbeitsstelle kennengelernt hatte, verliebt habe und sich trennen wolle. Die Beziehung mit ihm würde ihr schon seit Jahren nichts mehr bringen, sie empfinde nichts mehr für ihn und jeder Tag mit ihm sei ein verlorener Tag. Er solle ausziehen, sie habe schon mit den Mädchen gesprochen, sie würden beide bei ihr bleiben.

 
Trennungsphase:

Für Patrick war die Trennung am Anfang eine schwere Zeit. Er fühlte sich zwar befreit, weil es keine Streitigkeiten mehr gebe. Bei seinen Eltern fand er keinen Trost, sie würden zwar zu ihm halten, könnten ihm jedoch konkret nicht helfen. Als Belastung erlebte er vor allem, dass die beiden Töchter ihm sehr fehlten, er fühlte sich oft einsam und grübelte viel, was er falsch gemacht habe. Auch habe der durch die Unterhaltszahlungen hohe Belastungen. Er wurde immer depressiver, negatives Denken und Zukunftssorgen belasteten ihn immer mehr. Auf Anraten seines Hausarztes suchte er eine Psychotherapie auf, um über seine Sorgen und Nöte sprechen zu können. Dort habe er erkannt, wie sehr er manipuliert worden sei. Dies habe ja schon in seiner Kindheit begonnen. Er habe sich dann unbewusst in eine Frau verliebt, die genauso wie seine Mutter gewesen sei und mit allen Mitteln versucht, ihre Liebe zu gewinnen. Im Kern aber, so habe er jetzt erkannt, hätte er schon immer Angst vor Frauen gehabt, wenn diese bestimmt und hart aufgetreten seien. Er wolle jetzt erst einmal alleine leben und sich irgendwann in der Zukunft eine ganz andersartige Frau suchen, wenn er so eine denn jemals finden würde. Seine Töchter vermisse er sehr. Lucie würde sie ihm immer mehr entziehen und subtil oder offen mit negativen Botschaften gegen ihn aufbringen. Er fühle, dass die beiden Mädchen sich immer mehr von ihm entfernen würden. Das sei wie eine Entfremdung zwischen ihm und den Kindern. 

 

Angstverdrängung

Weil Angstgefühle nicht dauerhaft auszuhalten sind und sie auch weitere Probleme (Zwänge, Suizidalität) nach sich ziehen können, leistet unser Gehirn Schwerstarbeit in der Abwehr übermäßiger Ängste. Angst zu verspüren, bedeutet in der Folge Erregung des Organismus und Vermeidung der Angstquelle. Deshalb hat Patrick auch viele Jahre nicht gespürt, wie abhängig und ängstlich er sich verhalten hat.

In der Psychoanalyse sind solche Phänomene als Abwehrmechanismen bezeichnet worden. Gerade Männer in existentiellen Bedrohungssituationen, vor allem Kriegen, mussten immer wieder diesen enormen Stress aushalten, den Tod vor Augen gegen andere Männer zu kämpfen. Aus solchen und ähnlichen existentiellen Erfahrungen heraus haben Männer eine stärkere Verdrängung ihrer Ängste gelernt als Frauen, um überlebensfähig zu bleiben. Sonst hätten sie die Horrorsituationen in den nicht enden wollenden Kriegen der Geschichte nicht ausgehalten. Sie haben stärker als Frauen, ihre Ängste kontrollieren und abwehren müssen. 

Angst lässt sich auf Dauer nicht verstecken

Trotz der vielen Abwehrmechanismen bei Angstgefühlen zeigen diese sich auf die lange Sicht dennoch, direkt oder indirekt. Die Einsicht, dass Männer oft Angst vor ihren Frauen oder Frauen im Allgemeinen haben, mag manchen überraschen, vor allem Männer, die keinen Zugang zu ihren Angstgefühlen haben. Aber die Realität hinter der Fassade ist oft anders, als es von außen den Anschein hat. Im Fall von Patrick war es die früh erlebte manipulative Abhängigkeit von der Zuwendung der Mutter und später das Spiel der Partnerin Lucie mit seiner Bereitschaft zum Gehorsam und zur Anpassung, um Liebe zu bekommen. In beiden Lebensabschnitten erlebt Patrick keine selbstlose Liebe, sondern emotionale Erpressung. Die Zusammenhänge und Hintergründe sind ihm bis zum Ende seiner Ehe und der folgen psychotherapeutischen Aufarbeitung niemals klar geworden.

Für Männer in solchen Lebenslagen ist es besser, eine klare Bilanz ihrer Situation, der gemachten Erfahrungen und der eigenen Gefühle, vor allem Ängste, durchzuführen. Das Ziel ist die Befreiung aus emotional abhängig machenden Beziehungen, in denen nur eine Person – die stressmachende, angsterzeugende – gewinnt. 

Zustandsangt – Ängstlichkeit als Wesensmerkmal 

Da Angst in Beziehungen eine große Rolle spielt, folgen an dieser Stelle einige Ausführungen zum Thema Angst mit der Perspektive auf Männer

Manche Männer sind in ihrer Persönlichkeit von Angst geprägt. In der Psychologie wird dies Zustands-Angst („trait anxiety“) genannt und kennzeichnet Menschen, die im Alltag über ein erhöhtes Ausmaß an Angst verfügen. Sie fürchten sich vor den Folgen ihres Verhaltens auf andere, z.B. Widerworte zu geben, sich abzugrenzen und „Nein“ zu sagen. Dadurch zeigen sie ein defensives Verhalten, bei dem sie sich weniger zutrauen und mehr vorauseilende Vermeidung entwickeln. Dies bedeutet, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse oder auch Meinungen zurückstellen, weil sie befürchten, dafür negative Konsequenzen zu erleiden. 

Obwohl Zustandsangst bei Frauen häufiger ist als Männern, dürften bis zu einem Viertel aller Männer von „trait anxiety“ in relevantem Ausmaß betroffen sein. Männer mit dieser umfassenden Form von Ängstlichkeit sind stärker durch ihre Mütter oder Partnerinnen „steuerbar“. Wenn diese Frauen direkte oder noch mehr indirekte oder gar subtile Drohungen ausstoßen, disziplinieren sie Männer dadurch stark, verängstigen sie und engen damit den Handlungsspielraum des sich unterlegen Fühlenden ein. Die ängstlichen Reaktionen der Männer sind in Kindheit und Jugend leicht konditionierbar. Wenn also Eltern Drohungen ausstoßen und entsprechende Konsequenzen folgen lassen, kann die Ängstlichkeit des Kindes nach oben „gezüchtet“ werden. 

Ängste in Partnerbeziehungen

Ängste können sich auch in Partnerbeziehungen entwickeln oder eine Folge gescheiterter Partnerbeziehungen sein. Im erstgenannten Fall ist damit gemeint, dass ein Partner sich in ängstlicher Weise von seiner Frau abhängig macht, weil diese mit Verlassen, Trennung oder Fremdgehen droht oder schon entsprechende Handlungen gezeigt hat. Durch diese Unterordnung will der Mann der Frau gefallen („will to please“), erreicht jedoch das Gegenteil des Beabsichtigten. Er erscheint noch weniger attraktiv, weil er sich manipulieren und steuern lässt. Achtung und Respekt seitens der Partnerin lassen noch mehr nach. 

Ängste nach Trennungen aus Partnerbeziehungen

Im zweitgenannten Fall entsteht Angst, weil der Partner nach einer Trennung in für ihn schwierige bis bedrohliche Situationen gerät. Dies kann bedeuten, dass ihm ein gemeinsames Kind zunehmend vorenthalten wird, dass eine elterliche Entfremdung zwischen dem Kind und ihm entsteht und er fürchten muss, sein Kind nach und nach ganz zu verlieren. Auch kann es sein, dass er im Zuge von Scheidungs- und Kindschaftsrechtstreitigkeiten mit Vorwürfen konfrontiert, die ihn schockieren und belasten, z.B. weil er physische oder sexuelle Gewalt ausgeübt habe. Diese in der Fachszene als „false accusations“ (falsche Anklagen) bekannt gewordenen Beschuldigen betreffen bis zu 30% aller Vorwürfe im Bereich körperlicher und sexueller Gewalt. Sie können bis zur Existenzvernichtung des Betroffenen führen und werden oft von Vertretern des Jugendamtes und der Gerichte nicht durchschaut.

Bei solchen Anschuldigungen bedarf es stets einer gründlichen, sachkundigen Aufarbeitung und Bewertung der Anschuldigungen. Nach einer für den Partner überraschenden oder nicht akzeptierten Trennung kann auch eine verstärkte Negativsicht auf sich selbst, andere Menschen und die Zukunft entstehen. Ein negatives Selbstbild war dann oft schon vorhanden und verstärkt sich oder es entsteht durch die Trennung erst. Der Mann meint dann, dass er von allen Frauen abgelehnt wird, sich die ungünstigen Abläufe aus der vorangegangenen Partnerschaft wiederholen werden und er sowieso an allem schuld und nicht liebenswert ist. Es entstehen im ungünstigen Fall Ängste und depressive Befindlichkeiten in Bezug auf Rolle und Selbstwert als Mann. 

Sehnsucht und Angst vor Nähe

Viele Männer sehnen sich nach einer Partnerin, die ihnen bedingungslos Nähe, Hingabe und Liebe schenkt. Dies ist die Wiederholung der mütterlichen Liebe für das abhängige Kind und im Erwachsenenalter natürlich eine Illusion. Besonders schwierig wird es für jene, die in der Kindheit nicht die bedingungslose Liebe der Mutter spüren durften, was oft zu einem unsicheren Bindungsmuster führt.

Unsicher gebundene Menschen neigen in Beziehungen eher zu Angst, fühlen sich schnell zurückgewiesen und sind leicht kränkbar. Die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe treibt sie um, wobei sie gleichzeitig oft Angst vor Nähe zeigen, weil sie befürchten, dann ihre Selbstständigkeit und Autonomie zu verlieren. Daraus entsteht ein tiefer Konflikt zwischen Abhängigkeit und Autonomie, der zu Irritation und Konflikten in Beziehungen sowie zu Problemen mit Alkohol und Drogen führen kann (siehe „Sucht bei Männern – Kommt hier zusammen, was zusammengehört? Teil II: Die Risikofaktoren“).

Dependenz und Angst

Die geschilderten Probleme mit Angst in Partnerschaften rühren oft aus übermäßiger Abhängigkeit (Dependenz) her. Männer verhalten sich dependent, wenn sie sich aus Liebe, Einsamkeit oder Minderwertigkeitsgefühlen von einer Frau abhängig machen. Ein gewisses Maß an Dependenz ist in Partnerbeziehungen notwendig, um sich der gegenseitigen Liebe hinzugeben. Ein Problem entsteht, wenn es sich nicht um tiefe Liebesgefühle handelt, einer der Partner zu intensiver Liebe nicht fähig ist oder wenn ein Partner sich aus Angst oder Minderwertigkeitsgefühlen abhängig macht. Es ist zwar nicht bekannt, wie viele Männer sich in ihren Beziehungen zu ihren Partnerinnen übermäßig dependent verhalten, aber es lässt sich wegen der schon genannten Zahlen in Bezug auf Zustandsangst plausibel annehmen, dass dies in bis zu einem Drittel aller Partnerbeziehungen passiert.

Dependenter Persönlichkeitsstil

Menschen mit einem dependenten (abhängigen) Persönlichkeitsstil sind anderen gegenüber sehr angepasst und in einem extremen Sinne loyal. Sie ordnen ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche denen anderer unter und verhalten sich gegenüber nahestehenden Menschen anhänglich und submissiv. In Partnerschaften sind Menschen mit dependentem Persönlichkeitsstil oft die von Ausnutzung Benachteiligten. Sie haben zwar eine gute Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und mit anderen zu kooperieren, können sich aber schlecht gegenüber Ausnutzung abgrenzen. 

Dependente Persönlichkeitsstörung

Für Menschen mit dependenter Persönlichkeitsstörung (DPS) sind im Unterschied für Personen mit dependentem Persönlichkeitsstil die kennzeichnenden Merkmale stärker ausgeprägt. Typisch für eine DPS ist, dass sich die Betroffenen passiv und unterwürfig verhalten, wenig Selbstbewusstsein haben und sich übermäßig stark an andere unter Verleugnung der eigenen Bedürfnisse anpassen. Dies gilt besonders für Partnerbeziehungen. Der dependente Mann ordnet sich seiner Partnerin offen oder implizit unter, vertritt keine eigene Meinung oder revidiert diese auf Druck der Partnerin schnell, gibt sich unterwürfig und servil und verspürt Angst, getadelt, gemaßregelt und verlassen zu werden.

Kriterien für eine dependente Persönlichkeitsstörung

Von einer DPS sind nach Forschungsstudien 2-4% der Erwachsenen betroffen, dabei mehr Frauen als Männer. Die Betroffenen haben nach dem DSM-5, dem führenden psychiatrischen Diagnose- und Klassifikationssystem, ein tiefgreifendes und übermäßig starkes Bedürfnis, versorgt und gemocht zu werden, das zu unterwürfigem und anklammerndem Verhalten und Trennungsängsten führt. Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, alltägliche Entscheidungen zu treffen, ohne ausgiebig den Rat und die Bestätigung anderer einzuholen.
  2. Sie benötigen andere, damit diese die Verantwortung für ihre wichtigen Lebensbereiche übernehmen.
  3. Sie haben Schwierigkeiten, anderen gegenüber eine andere Meinung zu vertreten – aus Angst, dann deren Unterstützung und Zustimmung zu verlieren.
  4. Es fällt ihnen schwer, Unternehmungen selbst zu beginnen oder Handlungen unabhängig durchzuführen, vor allem wegen mangelnden Vertrauens in die eigene Urteilskraft oder in die eigenen Fähigkeiten.
  5. Sie tun alles Erdenkliche, um sich die Versorgung und Zuwendung anderer zu erhalten – bis hin zur freiwilligen Übernahme unangenehmer Tätigkeiten.
  6. Sie fühlen sich alleine unwohl oder hilflos – aus übertriebener Angst, nicht für sich selbst sorgen zu können.
  7. Wenn eine enge Beziehung endet, suchen sie dringend eine andere Beziehung als Quelle der Fürsorge und Unterstützung.
  8. Sie sind in unrealistischer Weise von der Angst eingenommen, verlassen zu werden und für sich selbst sorgen zu müssen.
  9. Nach einer Trennung haben sie das Gefühl, am Leben vorbei zu laufen.
  10. Sie haben ein Gefühl von innerer Leere.

Im Überblick: Männliche Ängste

Nach der Darstellung zu Abhängigkeit und Dependenz als Verhaltens- und Erlebensproblemen in Beziehungen folgt ein Überblick zu den wichtigsten Ängsten von Männern. Männer haben ganz unterschiedliche Ängste. Sie möchten auch heute noch unter keinen Umständen schwach und hilflos sein, ohnmächtig wirken und die Kontrolle verlieren. Nach eigener Rollenzuschreibung wollen sie stark oder „cool“ sein oder zumindest so wirken. Männer erwarten von sich selbst, über den Problemen stehen und lösen zu können.

Was das besonders Stresshafte werden kann, ist, dass sie glauben, dass auch ihr Umfeld dies von ihnen erwartet. Wer Schwäche oder Angst zeigt, gilt schnell als Versager. Und diese Furcht vor dem Versagen kann zur dauerhaften Belastung und zum schwerwiegenden psychischen Stress werden. Lösung: Es genügt, meistens Kontrolle und Souveränität zu haben, aber keinesfalls immer! Dies ist ein Perfektionsanspruch an sich selbst, an dem jeder scheitern muss!

Männerängste werden oft über Dependenz vermittelt

Männerängste können sich in Beziehungen zu Frauen realisieren, aber auch im kollektiven Raum einer Gesellschaft. Heinrich Mann hat beide Aspekte in seinen Romanen dargestellt. Bei Professor Unrat ist es die zunehmende Hörigkeit zu einer Frau (im Film von Marlene Dietrich gespielt), im Staat ist es der „Untertan“, der mit absoluter Hingabe und völligem Gehorsam seinem Kaiser folgt, der das ganze Volk in den Untergang führt. Beide Formen des „Kadavergehorsams“ als Ausdrucksformen der übermäßigen, krankhaften Abhängigkeit sind bei Männern bekannt und sollten jeden Mann in eine kritische, selbstreflexive Betrachtung seines Umgangs mit Anforderungen, Normen und Befehlen führen. 

Sexuelle Ängste

Eine weitere Angst des Mannes besteht darin, sexuell zu versagen. Dies betrifft sowohl junge als auch ältere Männer. Während Frauen oftmals viel Zärtlichkeit und Hingabe suchen, ist der Mann bestrebt, potent und leistungsfähig zu sein. Dies ist zu wenig und auch im Kern falsch. Männliche Sexualität kann vielfältig, kreativ und phantasievoll sein. Eine Beeinträchtigung der Sexualfunktionen hat Auswirkungen auf den Selbstwert des Mannes. Aber: Erwartet die Frau denn wirklich, dass er immer kann? Dann hat er die falsche Frau und setzt sich damit selbst gnadenlos unter Druck. Er tut dies oft, weil er Vorgaben umsetzen will, die er in den Medien oder von seinen Peers aufgegriffen hat, die aber kein Mann so erfüllen kann.

Frauen erwarten keine angstfreien Männer

Männer pflegen, ihre Ängste zu verheimlichen, besonders vor ihren Frauen. Warum? Würde sie ihn vielleicht weniger lieben, wenn er sie in seine Gefühle blicken ließe? Ich habe noch keine Frau getroffen, die ihren Mann verachtet hätte, wenn er ihr mitteilte, dass er Angst verspürt. Häufig wird er ihr umso sympathischer, je mehr er sich ihr öffnet. Mit einer gespielten Stärke kann sie nichts anfangen. Sie will echte Stärke und beschützt werden. Offen geäußerte Sorgen und Ängste bringen ihn ihr näher. Seine Gefühle zu zeigen gelingt dem Mann oftmals nicht, weil er sie kaum zulässt. Zudem kann er sie selten in Worte fassen. Dies sind wichtige Lern- und Erfahrungsschritte zur Ausgestaltung eines modernen Mannseins.

Angst und Abhängigkeit in Gesellschaft und Politik

Männliche Angst und Abhängigkeit treten natürlich nicht nur in Beziehungen und Partnerbindungen auf, sondern auch in anderen Interaktionen, wie z.B. im Berufsleben, in Freundschaften, aber auch auf der großen Bühne der Politik und Medien. Der Siegeszug des radikalen Feminismus in den letzten 20 Jahren hat auch viel mit männlicher Angst vor Bloßstellung, Zurechtweisung und Isolierung zu tun. Oft werden Personen mit kritischer Meinung auch massiv eingeschüchtert mit Verunglimpfungen, Drohungen und „hate speech“. Dies geschieht überwiegen in den sozialen Netzwerken, die heutzutage ja zum Inkubator künftiger gesellschaftlicher Entwicklungen geworden sind. Nach wie vor gibt es keine wirksame, unparteiische Netiquette gegen solche Machenschaften im Internet.

Männer, die sich kritisch gegenüber feministischen Thesen äußern, werden so oft pauschal als misogyn (Frauenhass), rechtextrem oder Ähnliches bezeichnet. Ein durchschaubarer, aber allzu oft wirksam Schachzug, unbequeme Kritiker mundtot zu machen.  Wenn sich der spätere Bundeskanzler Scholz im Wahlkampf 2021 widerspruchslos sagen lässt, er habe in seiner politischen Karriere immer einer Frau den Platz weggenommen, zeigt dies die wortlose Angst, die inzwischen in vielen gesellschaftlichen Bereichen gegenüber dem laut und dominanten auftretenden Feminismus herrscht. 

Selbstreflektion und Selbstfürsorge müssen Männer oft erst noch lernen

Männer müssen sich erst zu ihren Gefühlen (Angst, Einschüchterung) bekennen, um wieder Worte zu finden und ihre Ängste zu überwinden, die sie sich häufig noch nicht einmal zugestehen. Einschüchterung, Drohungen und andere Formen psychischer Gewalt treffen Männer heutzutage meist unwidersprochen. Dies bezieht sich auf Partnerschaften, Arbeitskontexte wie auch auf den politischen Raum.

Für viele dieser Bereiche kann von der Herrschaft eines dogmatischen Meinungsmobs gesprochen werden. Männer müssen heutzutage ganz neu lernen, sich gegenüber diesen negativen Bedrohungen zu wehren und können dabei nicht auf gesellschaftliche Solidarität hoffen. Sie sollten sich dabei nicht rechtfertigen (das wäre bloße Defensivität), sondern adäquate Selbstbehauptung und Selbstfürsorge praktizieren.

Wenn die politische Kultur einer führenden Partei des Landes Männer auf Wahllisten offen diskriminiert und ihnen sogar Redeverbote bei Parteiveranstaltungen erteilt, wenn die Mehrheit der anwesenden Frauen dies so wünscht, und dies alles als fortschrittlich verkauft, kann dem rationalen Betrachter klar werden, dass es nur allzu berechtigt ist, Angst vor Frauen auch auf der politischen Bühne zu haben. Erst wenn sich Männer ihren Ängsten – im Kleinen wie im Großen – stellen, werden sie diese überwinden und zu neuen, passenden Reaktionsformen kommen. Dies kann langfristig zu gerechteren Formen im Geschlechterverhältnis führen. 

Zusammenfassung und Fazit

Die Angst von Männern vor Frauen ist ein wenig beleuchtetes Thema. Es bezieht sich auf Mutter-Sohn-Beziehungen, Partnerbeziehungen und auf das Geschlechterverhältnis in Gesellschaft und Politik. Männer sollten ihre Ängste und Abhängigkeiten mehr reflektieren und offenlegen, um aus ungünstigen und oft auch verlogenen Realitäten entkommen zu können. Die Selbstbilanz ist in dysfunktionalen Kontexten ein wichtiger Schritt zur Veränderung. Männer haben öfter als es bislang bekannt ist, Angst vor Frauen. Die Arbeit an diesem Thema ist ein wichtiger Baustein zu mehr gesunder Autonomie und Selbstfürsorge.


Tags

Abhängigkeit, Angst vor Frauen, Beziehung, Dependente Persönlichkeitsstörung, Dependenz, Dominanz, DPS, emotionale Erpressung, Frauen, Manipulation, Männer, Partnerschaft, Psychische Gesundheit, Selbstfürsorge


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