UA-176845053-2 Psychische Gesundheit von Männern - ist das denn wichtig?

Februar 17

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Psychische Gesundheit von Männern – ist das denn wichtig?

Zum Thema „Psychische Gesundheit und Krankheit bei Männern“ referierte ich am 16. Februar 2022 bei der Bundesvereinigung Liberale Männer e.V., einer Gruppierung, die aufgrund von Menschenbild und politischer Orientierung der FDP nahesteht. Ziel des Vortrags waren Informationsvermittlung und Sensibilisierung, dass psychische Gesundheit für Männer wichtig ist und für die Gesellschaft noch wichtiger werden muss.

Beunruhigende Fakten

Wussten Sie, dass 75% aller Suizide von Männern begangen werden, 85% aller Wohnungslosen Männer sind und dass mehr als 70% aller Alkohol- und Drogenabhängigen Männer sind? Es ging dann um die Fakten zur Männergesundheit und die immer noch weitgehend ausstehende politische Antwort darauf. Wir alle sind zu unsensibel, was schwerwiegende Probleme im Leben von Jungen und Männern angeht. Dieses Verhalten, das auch gender-empathy-gap genannt wird, beruht auf dem Effekt, dass Männer wie Frauen mit Schmerzen, Schädigungen und Aggressionen, die Frauen erfahren, mit Mitgefühl haben. Selbst betroffenen Männern fehlt oft das Bewusstsein dafür, was ihre Probleme mit ihrem Geschlecht und dem geschlechtstypischen Verhalten zu tun haben (siehe auch „„Male gender blindness“, Misandrie und Gamma-Fehler – die unbewusste Ablehnung des Männlichen als Ursache von Stress und Selbstverachtung“). Dieses seltsame Syndrom wird als männliche Geschlechtsblindheit bezeichnet.

Aber: Alle Menschen, gleich welchen Geschlechts, Alters und welcher Herkunft sollten im Falle von Leid Mitgefühl und Unterstützung erhalten. Es muss sich also noch eine Menge ändern, bis auch Männer in Problem- und Notsituationen das notwendige Mitgefühl erhalten. 

Ausgewählte psychische Problembereiche bei Männern – zu viel, zu spät, zu unbekannt!

Im Einzelnen sind folgende, ausgewählte Punkte zu den psychischen Problemen von Männern bekannt: 

1. Männerdepression tritt häufiger auf als bekannt. Neben den bekannten Symptomen jeder Depression kommen hier Verhaltensweisen hinzu, die man üblicherweise einer Depression nicht zugerechnet: Gereiztheit, Übellaunigkeit, Ärgerlichkeit, Verwirrtheit, Rückzug und Exzessivität beim Arbeiten und mit Substanzkonsum. Die selbst betroffenen Comedians Kurt Krömer und Torsten Sträter sprachen über die „bösen Schmetterlinge im Bauch, die Symptome einer solchen Depression darstellen (hier sehen Sie das Video dazu auf YouTube).

2. Suizid ereignet sich bei Männern dreimal häufiger als bei Frauen, häufig ohne Vorankündigung oder mit nur schwer erkennbaren Warnzeichen. Ca. 7.000 Männer haben sich im Jahr 2021 in Deutschland das Leben genommen. Viele Suizide wären durch vorangehende, männerspezifische Hilfen verhinderbar. Das Leid, das Angehörige trifft, ist unermesslich. Vor einigen Jahren führte ich eine Studie mit erwachsenen Kindern von Vätern, die sich suizidierten, durch. Die Belastung im Sinne posttraumatischer Effekte war immens. Kein Kind vergisst dieses Lebensereignis je wieder.

3. Die häufigste psychische Störung bei Männern ist die Suchterkrankung. Von den 1.6 Mill. Alkoholabhängigen sind 70% Männer. Ähnlich sind die Verhältnisse bei Drogenabhängigkeit, Glücksspielsucht und Medienabhängigkeit. Es fehlen frühzeitige, männerspezifische Hilfen.

Übermäßiger Substanzkonsum hat oft etwas mit psychischen Problemen (Depression, Angst, Selbstwertdefizite), Hyperstress und Emotionsabwehr zu tun. Männer weisen etliche Risikofaktoren im biopsychosozialen Sinne auf, die sie für Suchtstörungen besonders vulnerabel machen (lesen Sie mehr dazu unter „Sucht bei Männern – Kommt hier zusammen, was zusammengehört? Teil II: Die Risikofaktoren“). Das Suchthilfesystem ist immer noch zu unspezifisch und reagiert zu spät, was die Situation von Jungen und Männern angeht. 

4. Es braucht eine Reihe struktureller Veränderungen im Gesundheitssystem: (a) genderspezifsche Diagnostik auch für Männer, (b) männerspezifische Prävention und Psychotherapie, (c) Frühintervention für gefährdete Männer in Bezug auf Substanzkonsum, Verhaltensexzesse und ganz allgemein männerspezifische Sozialisation. Die gesellschaftlich weitverbreitete Haltung, die Männer aufgrund ihres Geschlechts verunglimpft, ist zu einer ernsthaften Belastung des Bildungs- und Gesundheitssystems geworden. Es braucht einer Gegensteuerung, die Jungen und Männern hilft, sich in ihrer Identität zu entwickeln und psychische Gesundheit zu stärken.

Die Rahmenbedingungen für Männer mit psychischen Problemen müssen sich verbessern

Die Rahmenbedingungen für die psychische Gesundheit von Jungen und Männern sind ungleich schlechter als dies bei Mädchen und Frauen inzwischen glücklicherweise der Fall ist. Aber eine gerechte Gesellschaft braucht Gesundheit und Gerechtigkeit für alle. Die permanente Verunglimpfung von Jungen und Männern in Medien und Gesellschaft muss beendet werden. Prominente Buchtitel wie „Ich hasse Männer“ (mehr dazu unter „Stimmung machen gegen Männer als Geschäftsmodell – toxische Männlichkeit und die gesellschaftliche Realität“) oder „Sei kein Mann“ geben hier tiefe Einblicke in die gesellschaftliche Stimmung. Letztgenanntes Buch wurde sogar von der Bundeszentrale für Politische Bildung herausgegeben! 

Die gesellschaftlich notwendige Arbeit an der Geschlechtergerechtigkeit muss schon im Kindergarten und in der Schule beginnen. Der Bildungsbereich sollte auf Ausgewogenheit bei den Fachkräften (Frauen und Männer) achten. Die jetzt schon deutlich vorhandene Bildungsbenachteiligung von Jungen, die international als „Boy Crisis“ bekannt ist, und zu mehr als 10% weniger Abiturienten (Jungen vs. Mädchen) führt, muss beendet werden. Bildungsunterschiede wirken sich längerfristig auch auf die psychische Gesundheit der Menschen aus. Jungen sollten die Chance erhalten, sich zu psychisch starken, ausgeglichen Menschen zu entwickeln, ihre Fähigkeiten und Talente zu entwickeln und ihre sozialen und empathischen Kompetenzen zu stärken. 


Tags

Boy Crisis, Bundesvereinigung Liberale Männer e.V., Depression, Gender, Geschlechtergerechtigkeit, Liberale Männer, Männer, Männerdepression, Prävention, Psychische Gesundheit, Psychotherapie, Sucht, Suizid, toxische Männlichkeit


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